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Fintechs revolutionieren das Finanzwesen

Im Gespräch mit Christopher Schmitz von Ernst & Young

von - 17.10.2018
Christopher Schmitz ist Partner bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young und Leiter der E&Y-Abteilung Fintech-Practice. Im Interview mit com! professional analysiert er die Lage der Fintechs in Deutschland und beschreibt wichtige Trends.
com! professional: Die Angaben zur Anzahl der deutschen Fintechs variieren enorm. Die Zahlen reichen von knapp über 300 Fintechs bis fast 700. Wie viele Fintechs zählt Ernst & Young?
Christopher Schmitz
Christopher Schmitz ist Partner bei Ernst & Young und Leiter der E&Y-Abteilung Fintech-Practice.
(Quelle: Ernst & Young)
Christopher Schmitz:
Etwas mehr als 300. Grundsätzlich definieren wir sie als technologiegetriebene Firmen, die digitale Finanzprodukte entwickeln. Eine Teilgruppe sind Insurtechs, die Services an Versicherungen richten. Zu Fintechs zählen wir nicht – im Gegensatz zu anderen Analysten – Start-ups, die sich etwa um die Abwicklung von Rechnungen kümmern, sowie Firmen, die seit zehn Jahren auf dem Markt sind.
com! professional: Wie ist die Lage der deutschen Fintechs?
Schmitz: Sie entwickeln sich grundsätzlich positiv, der Fintech-Markt wächst kontinuierlich. Nach dem E-Commerce-Sektor konnte der deutsche Fintech-Sektor zuletzt die höchsten Wagniskapitalinvestitionen für sich verzeichnen. Das Wachstum lag bei knapp 20 Prozent. Dabei hat sich in den letzten zwölf Monaten nicht die reine Zahl der Investments erhöht, dafür aber das Volumen der einzelnen Investments.
com! professional: Wo stehen die deutschen Fintechs im internationalen Vergleich?
Schmitz: Sie stehen natürlich im Wettbewerb mit Fintechs aus Hochburgen wie dem Silicon Valley, Singapur, London oder Tel Aviv und haben aufgeholt. Führend ist Berlin, weitere Hotspots sind Frankfurt und München. Die hiesige Fintech-Landschaft ist deutlich gereift. Die Firmen kooperieren zunehmend unter­einander und bauen eigene Ökosysteme rund um ihre Kernprodukte auf. Daher finden die Fintechs mittlerweile auch interna­tionale Geldgeber, etwa Tencent bei N26. Auch ausländische Fintechs kommen zu uns. Im aktuellen Jahrgang der EY Start-up Academy ist auch eine indische Firma dabei.
com! professional: Welche Gebiete beackern Fintechs?
Schmitz: Am Anfang ging es vor allem um Payment-Lösungen für den digitalen Zahlungsverkehr, dann um Investment, Stichwort Robo Advisor, oder Neo-Banken wie N26 oder Solarisbank. Ursprünglich wollten viele Fintechs selbst im B2C-Bereich Endkunden akquirieren. Das ist aber sehr aufwendig und schwer. Daher haben die meisten Fintechs ihre Strategie verändert und sich eher zu Technologie-Dienstleistern für Banken und Versicherungen entwickelt, sprich es ging von B2C zu B2B-to-C. Sie unterstützen Banken, Kunden bessere Produkte zu bieten.
com! professional: Wie halten Sie von Insurtechs und Blockchain?
Schmitz: Insurtechs sind ein sehr dynamischer Markt mit großem Potenzial bei Themen wie Sensorik, Fitness-Tracking oder Telematik-Tarifen. Start-ups wie Clark optimieren Versicherungen, und die Allianz investiert in Drohnen-Start-ups, um weil in der Zukunft möglicherweise die dezentrale Auslieferung von Paketen zu versichern. Die Blockchain ist ein interessantes Technologie-Thema mit viel Potenzial, um Geschäftsmodelle zu verändern und Mehrwerte zu schaffen, insbesondere um die Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Transaktionen zu erhöhen. Aktuell sehe ich aber noch kein Fintech, das hier schon Potenzial für ein Unicorn hat.
com! professional: Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Fintechs in Deutschland?
Schmitz: Im Vergleich zu anderen Regionen und Ländern sind die regulatorischen Hürden höher, die öffentliche Förderung beim Thema Finanzierung ist schlechter. Es wird aber besser. Aus meiner Sicht muss die Regierung die Bürokratie abbauen, etwa beim Gründungsaufwand oder beim Arbeitsrecht, sowie an steuerlichen Anreizen arbeiten, etwa an Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen in Start-ups. Zudem ist in Deutschland die Gründerkultur nur wenig ausgeprägt. Das gute wirtschaftliche Umfeld bietet wenig Anreiz zum Gründen, da gut ausgebildete IT-Spezialisten große Chancen auf eine attraktive Festanstellung haben. Und es gibt immer noch keine Kultur des Scheiterns. 
Grundsätzlich bilden die Fintechs in Deutschland aber eine spannende, faszinierende Welt mit großem Potenzial. Fintechs leisten einen signifikanten Beitrag zur digitalen Transformation der Finanzbranche. Sie arbeiten als technische Dienstleister verstärkt mit Banken und Versicherungen zusammen und treiben Innovationen voran.
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