Fintechs revolutionieren das Finanzwesen

Die wichtigsten Fintechs im Überblick (Auswahl)

von - 17.10.2018
Die folgenden Kurzporträts veranschaulichen das breite Spektrum der deutschen Fintech-Szene. Zwar ist die Auswahl subjektiv, doch stehen mit Clark, N26, IDnow, Raisin und Solarisbank fünf der Firmen auf der FinTech50, einer Liste wichtiger europäischer Anbieter, ausgewählt von einer Jury aus knapp 70 Experten der Branche.
Clark: Der digitale Makler verspricht seinen Kunden, dass sie online via PC oder Smartphone alles erledigen können, was mit Versicherungen zu tun hat: Policen abschließen, Tarife optimieren, Schadensmeldungen einreichen, Rat von Experten einholen. Derzeit deckt Clark das Angebot von rund 160 Versicherern ab. Für Vermittlungen erhält Clark Provisionen vom Anbieter. Seit der Gründung 2015 konnte Clark knapp 100.000 Kunden gewinnen, mittelfristig sollen es eine Million Kunden werden. Derzeit hat Clark rund 100 Mitarbeiter.
Clark hat eine Robo-Technologie entwickelt, die die Versicherungsverhältnisse analysiert und basierend auf der Lebenssituation des Nutzers Optimierungen und Sparpotenziale vorschlägt. Neben dem Endkundengeschäft richtet sich Clark auch an Versicherer und Banken, die die Technologie des Insurtechs als Whitelabel-Lösung nutzen können.
Clarks Ziel ist es, sein digitales Versicherungsmanagement als Standard in Europa zu etablieren. Dafür investiert das Unternehmen in den nächsten Monaten insbesondere in Technologie und Marketing, geht strategische Partnerschaften mit weiteren Banken und Versicherern ein und plant Akquisitionen. Die Mittel dafür sind vorhanden. Anfang 2018 sammelte Clark 29 Millionen Euro von Investoren ein.
Miriam Wohlfarth
Geschäftsführerin und Mitgründerin
des Fintechs Ratepay
„Fintech ist längst keine Nische mehr, sondern eine extrem schnell wachsende Industrie. In der Fintech-Szene passiert aktuell so viel, dass man schnell den Überblick verliert.“
Compeon: Das 2012 gegründete Compeon bezeichnet sich selbst als „führenden produkt- und anbieterunabhängigen Full-Service-Dienstleister für Mittelstandsfinanzierung in Deutschland“. Die digitale Plattform offeriert Unternehmen, Freiberuflern und Selbstständigen mit Hilfe von Fachberatern Finanzierungslösungen und verspricht die besten Konditionen bei Zins, Laufzeit, Eigenmitteln und Sicherheiten. Dazu arbeitet der Finanzdienstleister mit mehr als 220 etablierten Banken, Sparkassen und Finanzpartnern zusammen. Neben Krediten, Darlehen und Leasing werden auch Factoring und alternative Finanzierungen wie Mezzanine-Kapital, Einkaufs- und Projektfinanzierungen sowie Private Debt und Private Equity vermittelt. Im Geschäftsjahr 2017 wurden rund 5000
Finanzierungsanfragen auf dem Portal eingestellt mit einem Gesamtvolumen von rund 3,5 Milliarden Euro.
CRX Markets: Das Münchner Fintech CRX Markets ist ein Supply-Chain-Finance-Anbieter, also ein Marktplatz zur Finanzierung von Lieferanten. Investoren können dort verbriefte Lieferantenforderungen von Unternehmen erwerben. Dabei stellen Konzerne, zum Beispiel Lufthansa oder Nestlé, Rechnungen auf dem CRX-Portal bereit, die täglich mit der Warenlieferung einhergehen. CRX Markets bündelt die Forderungen (mindestens 125.000 Euro), verpackt sie in Wertpapiere und verkauft sie an Investoren.
Geld verdient wird dabei, weil die Lieferanten einen Abschlag dafür akzeptieren, dass sie ihr Geld sofort bekommen und nicht erst nach der üblichen Zahlungsfrist. Der Abschlag, meist unter 2 Prozent, garantiert wiederum den Gewinn der Investoren. Denn bei Fälligkeit begleicht der Konzern die Forderungen zu 100 Prozent. CRX Markets zeichnet sich durch einen sehr hohen Automatisierungsgrad aus und ist vollständig in das ERP-System der Kunden integriert.
Deposit Solutions: Mit 500 Millionen Euro sehr hoch bewertet ist Deposit Solutions, eine 2011 gegründete Open-Banking-Plattform für Einlagen, die Banken und Sparer aus ganz Europa verbindet. Das Fintech hat ein Portal für Banken geschaffen, über das diese auch Zinsprodukte von externen Banken oder Finanzdienstleistern anbieten können. Einer der Kunden ist die Deutsche Bank. Aktuell verbindet die Plattform Banken aus 16 europäischen Ländern und über
30 Millionen Sparer mit Einlagen von mehr als neun Milliarden Euro.
IDnow: IDnow mit Sitz in München hat sich als Anbieter von Identity-as-a-Service-Lösungen auf sichere Identifizierungsmethoden einschließlich rechtssicherer Unterschrift spezialisiert. Das 2012 gegründete Fintech bietet Unternehmen mit seiner neuen IDnow-Plattform nicht nur videobasierte, sondern auch voll automatisierte Verfahren für die Online-Identifizierung auf Basis neuester KI-Technologien. Mit den IDnow-Lösungen können sich Kunden zum Beispiel bei Darlehens-, Kontoeröffnungs-, Versicherungs- und Telekommunikationsverträgen einfach online bei Banken, Versicherungen oder TK-Unternehmen identifizieren. Die IDnow-Plattform unterstützt derzeit Ausweisdokumente aus 193 Ländern und erlaubt es so, die Identität von rund sieben Milliarden Menschen online zu verifizieren. Die Lösungen AutoIdent, VideoIdent und eSign stellen Unternehmen verschiedene rechtssichere Identifizierungsverfahren bereit, die für die jeweiligen Anforderungen unterschiedlicher Branchen und Länder konfiguriert werden können. Zu den Kunden von IDnow zählen namhafte Firmen wie Commerzbank, UBS, Telefónica und N26.
N26: Eines der bekanntesten deutschen Fintechs ist die Smartphone-Bank N26. Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal haben N26 im Jahr 2013 gegründet und Anfang 2015 auf den Markt gebracht. Heute beschäftigt N26 rund 430 Mitarbeiter und hat mehr als eine Million Kunden in 17 europäischen Märkten gewonnen. Da die Smartphone-Bank auch über eine Lizenz der BaFin verfügt, ist sie nicht mehr auf eine Partnerbank angewiesen. N26 verspricht, dass Kunden binnen acht Minuten am Smartphone ein Konto eröffnen können.
Im März 2018 konnte N26 160 Millionen Dollar einstreichen, die bislang größte Kapitalerhöhung für ein deutsches Fintech. Neben der Allianz ist der chinesische Internetkonzern Tencent bei den Berlinern eingestiegen. Das Geld soll vor allem die Expansionspläne von N26 ins Ausland finanzieren. Bis 2020 will N26 mehr als fünf Millionen Kunden haben.
Picsure: Das Fintech bietet KI-Lösungen für Versicherungen an. Das Produkt ID Check, das die Identität der Kunden auf Basis des Ausweisfotos erkannte, wurde jedoch mittlerweile aufgegeben. „Grund dafür war die DSGVO. Der Aufwand zur Umsetzung der mit der DSGVO verbundenen Auflagen und Anforderungen war uns als eigenfinanzierte Gesellschaft einfach zu hoch“, erklärt CEO und Gründer Enrico Bolloni.
Zentrale Standbeine sind weiter Object Recognition und Fraud Detection. Object Recognition erkennt mittels selbstlernender Algorithmen Objekte auf Foto- oder Videomaterial und ermittelt deren aktuellen versicherungsrelevanten Wert. Fraud Detection baut auf den Fotos der Gegenstände auf, ermittelt mit forensischen Analysemethoden den Wahrheitsgehalt der gemeldeten Bilder und hilft so, Versicherungsbetrug zu erkennen. Noch im Aufbau ist der Geschäftsbereich Damage Detection. Hier trainiert Picsure Algorithmen zur automatisierten Schadenserkennung etwa bei Smartphones oder Autos. Die KI-Lösung erkennt die Schadensszenarien und die beschädigten Teile und berechnet auf dieser Datengrundlage über die Servicepartner der Versicherer die Kosten für die notwendigen Reparaturen.
Raisin: Das Fintech Raisin, an dem auch Paypal beteiligt ist, ist unter dem Markennamen Weltsparen bekannt. Die Plattform bietet exklusiven Zugang zu attraktiven und einlagengesicherten Tages- und Festgeldern aus ganz Europa sowie  zu global diversifizierten und kostengünstigen ETF-Portfolios. Mit nur einer Online-Anmeldung können Kunden alle Anlagen abschließen und verwalten. Derzeit bieten mehr als 50 Partnerbanken Sparprodukte über Raisins Zinsportale an, die von flexiblen Tagesgeldern bis hin zu langfristigen Einlagen reichen. Banken, Vermögensverwalter und Makler aus der gesamten EU können die API-Schnittstelle von Raisin nutzen.
Ratepay: Der Berliner Zahlungsdienstleister Ratepay wurde im Dezember 2009 gegründet. Er beschäftigt mehr als 190 Mitarbeiter und gehört seit 2017 zum US-Investor Advent International & Bain Capital. Ratepay bietet Online-Händlern Lösungen für Ratenzahlung, Rechnungskauf, Lastschrift und Vorkasse. Ratepay übernimmt für Händler alle nachgelagerten Prozesse wie die Risikoprüfungen der Käufer, das Debitorenmanagement und die Inkassoübergaben. Auch das Risiko von Zahlungsausfällen trägt Ratepay zu 100 Prozent. „Für uns geht es in den nächsten Jahren weniger um eine ausgeprägte Internationalisierung, sondern darum, das beste Produkt im Bereich Payment zu bieten. Wir optimieren unsere Prozesse und machen unsere Produkte mit Hilfe von KI intelligenter, etwa bei der Risikobewertung und beim Aufspüren von Betrügern“, umreißt Ratepay-Mitgründerin Miriam Wohlfarth die Strategie des Fintechs.
Solarisbank: Das Tech-Unternehmen mit Banklizenz wurde im März 2016 gegründet. Firmen und Banken können auf Basis dieser Banking-Plattform Finanzdienstleistungen und Banking-Produkte via API in eigene Plattformen und Wertschöpfungsketten integrieren. Dazu arbeitet Solarisbank mit rund 70 Partnern zusammen. Zu den Services gehören Digital Banking & Cards mit Schnittstellen für Konten und Zahlungskarten, digitale Finanzierungslösungen und Kredite für Konsumenten und kleine und mittlere Unternehmen, eine digitale Identifikationslösung, Payment-Lösungen oder eine Blockchain-Factory.
Im März 2018 sammelte das Fintech in einer dritten Finanzierungsrunde rund 56,6 Millionen Euro ein.
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