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Der Kampf um die IT im Fahrzeug-Cockpit

Ohne Armaturenbrett

von - 06.02.2019
Fast zwei Jahrzehnte später kommt das BMW-System ohne Callcenter aus. Im aktuellen
Modelljahr stattet der bayerische Autobauer alle seine Fahrzeuge serienmäßig mit einem Sprachassistenten auf Basis von Amazon Alexa aus, der selbstverständlich auch Hotels buchen kann. Einen Schritt weiter geht Mercedes mit seinem neuen User-Interface MBUX (Mercedes Benz User Experience). Dahinter steht eine Display-Lösung, die das herkömmliche Auto-Cockpit nicht nur ergänzt, sondern ersetzt. MBUX hatte seine Premiere im Kompaktwagen A-Klasse, und auch im neuen Kastenwagen Sprinter ist das Interface standardmäßig verbaut. Man darf davon ausgehen, dass künftig kein neuer Mercedes mehr ohne entsprechende Fähigkeiten auf den Markt kommt. MBUX arbeitet per Touch- und Sprachsteuerung, der Befehl "Hey Mercedes" aktiviert die Spracherkennung. Die Stuttgarter versprechen, MBUX sei selbstlernend und merke sich die Vorlieben des Fahrers. E-Commerce spielt noch keine führende Rolle, auch wenn man über MBUX selbstverständlich Hotels, Restaurants und andere Geschäfte finden kann.

Rollender Bildschirm aus China

Riesenbildschirm: Der chinesische Byton stellt die Vernetzung beim Autofahren in den Mittelpunkt. Die Produktion soll dieses Jahr starten.
(Quelle: Bild: Byton)
Gegen das Byton Concept Car, das das chinesische Start-up FMC im Frühjahr präsentierte, wirken jedoch sogar die beiden nebeneinanderliegenden Displays in der neuen A-Klasse ärmlich. Dort, wo bei anderen Autos ein Armaturenbrett sitzt, spannt sich beim Byton Concept ein 1,25 Meter breites und
25 cm hohes Display über die gesamte Fahrzeugbreite. Auch auf dem Lenkrad prangt ein Bildschirm in iPad-Größe, ebenso an den Rückseiten der Vordersitze. FMC-Chef Carsten Breitfeld, der bis 2016 die E-Auto-Entwicklung von BMW leitete, sieht im Byton eine Verbindung aus Auto- und Digital­industrie, die "Menschen unterwegs eine völlig neue Art der Vernetzung bieten wird". Das "Shared Experience Display", so nennt Breitfeld den großen Bildschirm unterhalb der Windschutzscheibe, lässt sich per Gesten und Sprachkommandos steuern, und es soll die Fahrzeuginsassen mit allen Informa­tionen versorgen, die sie eventuell unterwegs interessieren könnten. Sensoren überwachen den Gesundheitszustand des Fahrers, eine automatische Gesichtserkennung ersetzt den Zündschlüssel. Alle denkbaren Parameter des Fahrzeugs sollen in einer Cloud gespeichert werden - sobald das Auto seinen Besitzer erkennt, stellt es Dinge wie Sitzposition und Wunschtemperatur passend ein. Wer angesichts der üppigen Display-Bestückung eine Ablenkung des Fahrers befürchtet, verkennt die Zeichen der Zeit: Ihr volles Potenzial werden Autos wie der Byton Concept vermutlich erst entfalten, wenn sie autonom fahren können. Doch noch in diesem Jahr soll die Produktion in China starten, 2020 ist der Verkaufsstart in Europa geplant. Das hört sich gewagt an, aber hinter FMC stecken der Internetkonzern Tencent und der Unterhaltungselektronik-Riese Foxconn.

Digitalisierung bei VW

Auch bei VW wird an der Digitalisierung gearbeitet. Bei der Entwicklung der Volkswagen Automotive Cloud arbeitet man mit Microsoft zusammen. In Planung ist eine Software-Plattform auf Basis der Cloud-Umgebung Azure. Dabei hat der Autobauer zwei Szenarien im Blick: Einerseits soll die Automotive Cloud den Zugang zu Applikationen gewährleisten, die in Autos des Konzerns integriert sind. VW will diesen Weg auch Partnern öffnen - das Auto würde zur Software-Plattform für Apps. Zusätzlich soll die Cloud den Zugang zur hauseigenen Mobilitätsplattform Volkswagen We eröffnen. Dabei haben die Partner nicht nur Kunden im Blick, die ein Auto aus dem Konzern besitzen, sondern auch solche, die Carsharing-Dienste nutzen wollen. Für VW-CEO Herbert Diess ist die Partnerschaft mit Microsoft "der Turbo für unsere digitale Transformation". Eigens für dieses Projekt und unterstützt vom Partner Microsoft will VW in Kürze ein Entwicklungszentrum im Silicon Valley gründen. Und ab 2020 sollen jedes Jahr mindestens fünf Millionen Autos auf die Straßen kommen, die für die VW Automotive Cloud vorbereitet sind. Diess ist sich sicher: "Gemeinsam werden wir eine zentrale Rolle dabei spielen, die Zukunft der Auto-Mobilität zu gestalten."
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