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Der Kampf um die IT im Fahrzeug-Cockpit

Eine Plattform für alles?

von - 06.02.2019
Von einem Plattformdualismus, wie er bei Mobil-Betriebssystemen inzwischen vorherrscht, ist die Autobranche noch etwas entfernt. Neben dem erwähnten Applink-System von Ford gibt es Mirror Link, ein ehemaliges Nokia-Projekt. Aha by Harman stammt von dem gleichnamigen Autozulieferer, und auch General Motors bietet eine Plattform unter dem wenig aufregenden Namen GM App Framework. Sie alle zusammen, so schätzt die Marktforschungsagentur IHS Markit, werden es bis 2020 auf rund 25 Millionen installierte Systeme im Jahr bringen. Bei rund 80 Millionen produzierten Pkw im Jahr entspräche das einer Ausstattungsquote von annähernd 30 Prozent.
Auf der anderen Seite stehen die beiden Mobile-Giganten Apple und Google, die ihre Smartphone-Betriebssysteme fit gemacht haben, um geschmeidig mit möglichst vielen Autos dieser Welt zusammenzuarbeiten. Dabei bekommen sie unerwartet Konkurrenz aus China: Der Suchmaschinenbetreiber Baidu bietet mit Carlife eine Software-Plattform an, die nicht nur mit Android- und iOS-Geräten etwas anfangen, sondern auch Apps von Drittanbietern laufen lassen kann. Nach den ersten Berichten über das neue System zeigte sich nicht nur der koreanische Autokonzern Hyundai interessiert, sondern auch Audi und Chevrolet.
Warum sich die Internetgiganten um einen Platz in der Mittelkonsole reißen wird deutlich, wenn man sich in den USA in den neuen Chevrolet Equinox setzt. Das Infotainment-System im Armaturenbrett des Mittelklasse-SUVs synchronisiert sich nicht nur mit jedem gängigen iPhone oder Android-Handy, es ist auch eine E-Commerce-Plattform, basierend auf dem sogenannten GM Marketplace.
E-Commerce im Auto: Dunkin’ Donuts unterstützt bereits Bestellungen über diverse In-Car-Entertainment-Systeme.
(Quelle: Chevrolet)
Die Restaurantkette Applebee’s, der Donut-Händler Dunkin’ Donuts und andere Brands haben bereits spezielle Apps entwickelt, die sich über den Touchscreen des Autos aufrufen lassen. Wer dort seine Account-Informationen hinterlegt hat, kann so ganz einfach Bestellungen aus dem Auto heraus aufgeben. Das könnte man natürlich auch über sein Smart­phone erledigen, doch das erklärte Ziel, so erläutert Marketplace-Manager Rick Ruskin, sei es, die Handy-Nutzung im Auto zu minimieren: "Es gibt keinen passenden Zeitpunkt, um ein Smartphone für Interaktionen und Transaktionen während der Fahrt zu benutzen." So wird das Mobiltelefon nur benötigt, um sich einmalig bei den gewünschten Shops anzumelden und die Opt-in-E-Mail zu bestätigen. Das geschieht idea­lerweise außerhalb des Wagens. Sobald der Equinox-Fahrer das erledigt hat, erscheint das entsprechende Angebot im Auto. Ruskin ist vom Nutzen des Systems überzeugt: "Wir glauben, dass Nutzer ihre Autofahrten produktiver gestalten wollen. Der Marketplace wurde von Anfang an so gestaltet, dass er während der Fahrt ebenso einfach zu bedienen ist wie das Autoradio oder die Klimaanlage."
Der Journalist Josiah Bondy, der das System für das US-amerikanische Tech-Blog "Tech Radar" ausprobierte, sieht noch Luft nach oben. Der Account war zwar nach wenigen Minuten aufgesetzt, doch zeigten die Apps noch Schwächen. So konnte er bei Dunkin’ Donuts problemlos Kaffee und Donuts bestellen, die vorgegebene Bestelloption jedoch nicht mehr nachträglich ändern. Und Applebee’s bietet über den Computer im Chevy nur eine sehr schmale Auswahl an Mitnahmemenüs an - darunter wenigstens einen Burger mit Fritten, wie Bondy im Testprotokoll dankbar vermerkt. In jeder App lassen sich bevorzugte Zahlungsmittel, bereits getätigte Bestellungen und weitere Präferenzen abrufen, und durch eine Koppelung mit dem Navigationssystem weiß das Auto natürlich auch den Weg zu einer nicht weit entfernten Filiale. Der nächste Schritt ist Location-based Marketing: Kommt das Auto in die Nähe einer Dunkin’-Donuts-Filiale, könnte im Display eine Werbung für den Deal der Woche aufpoppen.
Deutsche Autohersteller haben das Thema Internet im Auto schon länger auf dem Schirm. Bereits 1999 bot BMW für die Limousinen der 7er-Reihe ein Online-Paket an, mit dem sich das Autotelefon und das Navi mit dem Adressverzeichnis und dem Terminkalender auf dem PC im Büro synchronisieren ließen. Ebenfalls schon damals geboren wurde eine Idee, auf die heute viele Online-Plattformen setzen: Wer seinen 7er gegen einen baugleichen Mietwagen tauschen musste, konnte sich dort mit seinen Zugangsdaten anmelden - und machte so das fremde Auto zu seinem eigenen. Bei der Buchung von Hotels und Restaurants leistete BMW Pionier­arbeit - wenn auch analog: Wer ein Hotelzimmer brauchte, löste über einen Befehl im Menü einen Anruf im Callcenter aus. Während die Servicekraft am Telefon die Wünsche des Fahrers entgegennahm, funkte das Auto seine Position an die BMW-Zentrale. Und nach erfolgreicher Buchung übertrug die Zentrale die Adresse des Hotels ins Navi des Wagens.
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