Automatisierung - Jobkiller oder Wachstumsmotor?

Arbeitnehmer 4.0

von - 07.02.2019
Automatisierung de Arbeitswelt
Arbeitsteilung: Derzeit übernehmen Menschen noch 71 Prozent aller Arbeitsstunden, 2025 sollen vorwiegend Algorithmen, Roboter und Künstliche Intelligenz für uns arbeiten.
(Quelle: World Economic Forum, "Future of Jobs Report 2018" )
Durch die Digitalisierung gefordert sind die Arbeitnehmer aber in jedem Fall. Egal welchen Experten man befragt - in einem Punkt sind sich alle einig: Bildung und lebenslanges Lernen werden immer wichtiger. „Wesentlich ist aus meiner Sicht die Offenheit und die Bereitschaft zum Re-Skilling, sich also auch in komplett neue Bereiche einzuarbeiten.“ So fasst Jürgen Prinz von Sopra Steria Consulting die neuen Anforderungen zusammen.
Christoph Busch von Bitkom geht noch einen Schritt weiter: „Die klassische Bildungskarriere - Schule, Ausbildung oder Studium, 40 Jahre derselbe Beruf - hat ausgedient.“ Erforderlich ist seiner Meinung nach ein Kulturwandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Lebenslanges Lernen dürfe nicht länger nur Thema auf Podiumsdiskussionen sein, sondern müsse endlich auch praktiziert werden.
Aussichtsreiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt von morgen haben also flexible, gut ausgebildete Mitarbeiter. Doch wenn es nach Bernd Appel von Lufthansa Industry Solutions geht, dann sind wir als Gesellschaft heute noch stärker gefordert, Lösungen zu finden und Personen Angebote zu machen, mit denen sie in der Digitalisierung bestehen können. Ein wichtiger Punkt ist auch seiner Ansicht nach die Bildung: „Dort müssen wir massiv investieren und den Zugang für alle erleichtern, um Arbeitnehmer sowie nachfolgende Generationen fit für die Zukunft zu machen“, erklärt Appel.
Jürgen Prinz
Jürgen Prinz
Leiter Human Capital
Management Solutions bei Sopra Steria Consulting
Foto: Sopra Steria Consulting
„Digitalisierung kommt, öffnet Gedanken und ändert Prozesse, die vorher wie ‚festgemauert‘ dastanden. Und das immer schneller, immer intensiver.“
In der Vergangenheit hätten Experten schon häufig darüber gesprochen, aber noch nie sei es so wichtig wie heute gewesen, sich stetig fortzubilden. „Niemand, der es nicht will, sollte den Anspruch verfolgen, IT-Spezialist zu werden. Aber ein gutes Maß Neugier hilft dabei, sich besser auf Veränderungen einzustellen und nicht den Anschluss zu verlieren.“ Auch kreative oder emotional intelligente Menschen hätten wichtige Eigenschaften, die nur schwer durch Maschinen zu ersetzen seien. Die Fähigkeit zu improvisieren, zu interpretieren, zu kontextualisieren und Empathie zu zeigen, dürfte, so Appel, für die Künstliche Intelligenz noch lange Zeit eine enorme Herausforderung darstellen - „hier liegt das größte Potenzial für uns“, ergänzt er.

Neue und veränderte Jobs

Deutlich sichtbare Veränderungen aufgrund der Digitalisierung zeigen sich bereits heute bei einzelnen Berufsbildern. Während viele Jobs zunehmend interdisziplinär werden und sich inhaltlich verändern, entstehen an ihren Übergängen zahlreiche neue Berufe.
Kein Kassierer mehr benötigt: Mehrere Hundert Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland verfügen bereits über Selbstbedienungskassen.
(Quelle: NCR)
Ein Beispiel ist das autonome Fahren, eine der ersten Technologien, bei der die Künstliche Intelligenz unmittelbar auf den Menschen trifft. Deshalb ist das autonome Fahren laut Svenja Falk von Accenture auch ein besonders spannendes Forschungsfeld. Es erfordere ganz neue Qualifikationen von Mitarbeitern und schaffe dadurch neue Arbeitsplätze. „Im amerikanischen Forschungszentrum des japanischen Autoherstellers Nissan im Silicon Valley arbeitet beispielsweise eine Anthropologin, deren Aufgabe es ist, sich über das Verhältnis von Mensch und Maschine Gedanken zu machen, wenn beide konkret zusammenarbeiten.“ Eines ihrer Forschungsfelder sei die Unberechenbarkeit des menschlichen Verhaltens - ein Bereich, in dem sich klassische Ingenieure oder Informatiker nicht auskennen. Was passiert zum Beispiel, wenn der Fahrer eines Wagens eine Trennlinie auf der Fahrbahn ignoriert und sie überfahren will? Interpretiert das intelligente Auto das als Normverstoß und blockiert das Ausscheren, oder kann es sein, dass der Fahrer einen Grund hat auszuweichen, den das System nicht erkannt hat - etwa, dass sich die Fracht eines vorausfahrenden Transporters gelöst hat? „Die Arbeit der Anthropologin soll dazu beitragen, dass Künstliche Intelligenz auch irrationale menschliche Verhaltensweisen verstehen lernt.“ In der Vergangenheit hätten wir lernen müssen, mit Computern umzugehen. Jetzt drehe sich dieser Prozess um. Svenja Falk: „Maschinen und Geräte mit Künstlicher Intelligenz müssen trainiert werden, mit uns umzugehen.“
Bernd Appel von Lufthansa Industry Solutions zufolge braucht es vor allem zunächst einmal mehr Experten, die die  neuen technologischen Entwicklungen vorantreiben. Unter anderem seien das KI-Spezialisten oder Data Engineers. Im Hinblick auf die wachsende Vernetzung gewinne auch das Thema IT-Sicherheit weiter an Bedeutung. Schließlich hänge der erfolgreiche Einsatz einer neuen Technologie in jedem Fall eng damit zusammen, wie sicher sie ist.
Appel ist darüber hinaus davon überzeugt, dass die Digitalisierung nicht nur hochqualifizierte IT-Spezialisten hervorbringen wird – „denn wenn die Digitalisierung unsere Arbeit künftig vereinfacht, dann ändern sich auch die Anforderungen des Berufsbildes. So ist es beispielsweise denkbar, dass komplexe Prozesse, die vormals eine fundierte Expertise benötigten, von Personen übernommen werden, die bislang nur geringe Berührungspunkte mit einem bestimmten Thema hatten.“
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