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Cloud-Ära

Zeitenwende für Rechenzentren

von - 10.06.2020
Server
Foto: hobbit / shutterstock.com
Immer mehr Unternehmen migrieren in die Cloud. Das verändert die Hosting-Landschaft grundlegend. Deutschland bietet hervorragende Standorte, viel Know-how und eine gute Infrastruktur.
Co-Location-Anbieter
(Quelle: ISG )
Wir erleben gerade den Abschied vom eigenen Rechenzentrum“ - erklärt Volker Ludwig. Natürlich hat diese Einschätzung mit Ludwigs Beruf zu tun, er ist Senior Vice President Sales & Marketing des Geschäftsbereichs Global Data Centers EMEA beim Dienstleister NTT. Der Trend ist dennoch unübersehbar: Das eigene Rechenzentrum im Keller eines Unternehmens wird immer mehr zum Auslaufmodell. Unternehmen setzen vermehrt auf Outsourcing - auf das externe Hosting ihrer Server oder gleich auf die Cloud, an der heutzutage kaum mehr ein Weg vorbeiführt und die ein essenzieller Treiber der digitalen Transformation ist.
Doch wie verändern diese Entwicklungen die Rechenzentrumslandschaft und die Co-Location? Und welche Auswirkungen haben zum Beispiel Cloud-Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google auf die Betreiber von Data-Centern?
Volker Ludwig
Volker Ludwig
Senior Vice President Sales & Marketing des Geschäftsbereichs Global Data Centers EMEA bei NTT
https://hello.global.ntt
Foto: NTT
„Cloud und Hosting stehen teilweise im Wettbewerb und die Grenzen sind fließend.“

Data-Center in Deutschland

Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Dichte an Rechenzentren. Und mit dem DE-CIX wird in Frankfurt am Main der Internetknoten mit dem höchsten Datenmengen weltweit betrieben. Das Marktforschungs- und Beratungshaus Information Services Group (ISG) sieht hierzulande in IT-Services beziehungsweise Managed Services, Hosting, Co-Location und IT-Outsourcing Milliardenmärkte. So repräsentierte allein der Markt für Managed Hosting laut der ISG-Studie „Pri­vate/Hybrid Cloud - Data Center Services & Solutions“ vom vergangenen Jahr ungefähr 10 Prozent der gesamten IT-Ausgaben, deren Umfang ISG mit rund 125 Milliarden Euro angibt.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Rechenzentren. Egal wo sie stehen, sie stellen neben den Breitbandnetzen ein zentrales Element der digitalen Infrastruktur dar und bilden daher eine Grundvoraussetzung für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, wie das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit konstatiert. Was wirtschaftlich ebenfalls eine Rolle spielt: In Rechenzentren waren 2017 rund 130.000 Personen vollzeitbeschäftigt. Hinzu kamen etwa 85.000 Arbeitsplätze, die direkt von Rechenzentren abhängig sind.
Und diese Zahlen dürften weiter deutlich steigen: Der Bedarf an Rechenzentren sowie an Highspeed-Netzen und -Leitungen für den Austausch von Daten wächst rasant. Das merkt man vor allem in der aktuellen Zeit von Corona, in der das Homeoffice - von den Unternehmenslenkern mehr oder weniger gewollt - einen regelrechten Boom erlebt und selbst dort zum Einsatz kommt, wo Heimarbeit bislang ein No-Go war.
Trotz dieser positiven Entwicklung kam das Borderstep Institut in seiner Untersuchung „Rechenzentren in Deutschland: Eine Studie zur Darstellung der wirtschaftlichen Bedeutung und der Wettbewerbssituation“ bereits vor rund zwei Jahren zu dem Schluss, dass sich die internationale Position des Rechenzentrumsstandorts Deutschland verschlechtert: „Im internationalen Vergleich entwickelt sich der deutsche Markt nur durchschnittlich.“ Insbesondere in den bereits dominanten Märkten in den USA und in Asien sei ein deutlich stärkeres Wachstum der Rechenzentrums-Kapazitäten festzustellen. Auch innerhalb Europas zähle die hiesige Data-Center-Landschaft nicht zur Spitzengruppe, wenn es um die Entwicklung der Investitionen gehe. Dem gemeinnützigen Institut zufolge liegen hier die skandinavischen Länder und die Niederlande vorn.
Dennoch wachsen die Kapazitäten natürlich auch in den deutschen Rechenzentren. So zählte das Borderstep Institut 2017 hierzulande rund 2.500 kleinere Rechenzentren mit einer Fläche bis zu 500 Quadratmetern, 330 Data-Center mit einer Fläche bis zu 5000 Quadratmetern und 90 große Rechenzentren mit über 5.000 Quadratmetern Server-Fläche. Vor allem die Zahl der großen Rechenzentren mit mehr als 5.000 Quadratmetern hatte sich im Vergleich zum Jahr 2007 verdoppelt.
Jens-Peter Feidner, Geschäftsführer beim Rechenzen­trumsbetreiber Equinix Deutschland, hält den deutschen Rechenzentrumsmarkt für sehr dynamisch. Als größten Wachs­tumstreiber sieht er die Migration weg von der zentralisierten IT-Infrastruktur hin zur Cloud. „Das beobachten wir nicht nur bei Großkonzernen, sondern auch immer mehr im Mittelstand.“ In diesem Kontext seien direkte und flexible Anbindungen zu Cloud-Providern gefragter denn je. Rechenzen­tren setzten daher immer stärker auf den Ausbau ihres Verbindungsangebots über direkte, physische Verbindungen, sogenannte Interconnections. „Nur durch die direkten Interconnections können kritische Geschäftsprozesse digitalisiert werden, ohne Einschränkungen bei der Datenübertragung. Und nur so bilden sich auch digitale Ökosysteme, innerhalb von Industrien, zum Beispiel in der Automobilindustrie, oder industrieübergreifend, wenn etwa Versicherungen, Big-Data-Analysen, Verkehrsdaten und die Autohersteller Daten austauschen.“ Ein weiterer, auch hierzulande wichtiger Trend in der Branche ist laut Feidner die zunehmende Virtualisierung von Prozessen, die früher eher hardwarelastig waren. Softwarebasierte Produkte wie Software-defined Networking (SDN) oder Virtual Cross Connects (VXC) ermöglichen nicht nur ortsunabhängige Vernetzung, sondern reduzieren auch Kosten. „Dazu kommen noch ‚Hardware-as-a-Service-Produkte‘ wie Bare-Metal-Lösungen für Server oder Netzwerkkomponenten.“
Jens-Peter Feidner
Jens-Peter Feidner
Geschäftsführer von Equinix Deutschland
www.equinix.de
Foto: Equinix
„On-Premise-Kapazitäten verlieren an Relevanz, da sie in Aufbau, Wartung und Betrieb vergleichs­weise teuer sind, dabei aber auch wenig Flexibilität und Skalierbarkeit mit sich bringen.“
Den Trend weg von der zentralen IT im Unternehmens­keller bestätigt auch SpaceNET. Dem IT-Dienstleister zufolge spielte der Betrieb der IT in den eigenen vier Wänden noch bis vor ein paar Jahren für Firmen eine große Rolle. Das habe sich stark gewandelt - „neben mangelnden Fachkräften und hohen Betriebskosten durch teuren Strom ist es für Unternehmen zunehmend attraktiv, ihre Server und weitere IT-Dienste ins externe Rechenzentrum zu stellen“, so die Erfahrung des Unternehmens aus München. „IT-Outsourcing ist in aller Munde und immer mehr Unternehmen lagern ihre Daten aus. Alle wollen in die Cloud“, bringt es Markus
Angermüller, Leiter Vertrieb beim Dienstleister Centron, auf den Punkt.
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