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Die Landwirtschaft wird digital

Digital im Stall

von - 16.09.2019
Landwirte mit Stallkamera
(Quelle: Kleffmann Group)
Der Stall gehört auch nach einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom zu den landwirtschaftlichen Bereichen, in denen die Digitalisierung am weitesten fortgeschritten ist. So versorgt heute bereits jeder zweite Landwirt (51 Prozent) seine Tiere mit einer digitalen, an das jeweilige Individuum angepassten Fütterung. Dafür verwenden die Betriebe in der Regel vernetzte Fütterungsautomaten, die eine alters- und leistungsoptimierte Ernährung des einzelnen Tiers ermöglichen. Außerdem können diese Geräte den Landwirt alarmieren, wenn es bei der Fütterung Probleme gibt. So lassen sich etwa Tiere schneller identifizieren und behandeln, die aufgrund einer Erkrankung weniger fressen.

Blockchain rettet Küken

Andere digitale Techniken wie die Blockchain spielen in der Landwirtschaft ebenfalls schon eine Rolle.
So hat zum Beispiel der Handelskonzern Rewe das System Respeggt entwickeln lassen, mit dem der Schlupf männlicher Küken verhindert werden soll. Durch ein endokrinologisches Verfahren kann damit vor dem Schlüpfen das Geschlecht der Küken bestimmt werden. Anschließend werden die untersuchten Eier in männliche und weibliche Bruteier sortiert. Nur die weiblichen Eier werden zum Schlüpfen gebracht. Diese Tiere werden anschließend als Legehühner genutzt, die zum Beispiel Eier für den Verkauf in Rewe- und Penny-Supermärkten produzieren. Die männlichen Eier werden direkt verarbeitet, etwa zu Viehfutter. Auf diese Weise wird erreicht, dass keine männlichen Küken mehr getötet werden müssen, wie es in der Eiererzeugung bislang üblich ist. Nach Angaben der Rewe Group werden in Deutschland jährlich etwa 45 Millionen männliche Küken getötet. Die dabei verwendeten Methoden wie etwa das Schreddern sind umstritten. Viele Verbraucher sind deswegen bereit, für „Eier ohne Küken­töten“ mehr zu bezahlen.
respeggt
Blockchain für Küken-Eier: Distributed Ledger Technology (DLT) sorgt für eine lückenlose Lieferkette. Äußerlich kaum zu unterscheidende Produkte lassen sich fälschungssicher identifizieren.
(Quelle: Rewe Group)
Das Besondere am Respeggt-System ist, dass die später von den weiblichen Tieren gelegten Eier markiert werden, sodass sie weder absichtlich noch unabsichtlich mit anderen, günstiger erzeugten Eiern vertauscht werden können. Dafür wird eine lückenlose Kontrolle der Lieferkette benötigt, die mit Hilfe von Distributed Ledger Technology (DLT) umgesetzt wurde.
Ein Distributed Ledger ist eine verteilte Datenbank zur Erfassung und Dokumentation von Transaktionen, wie sie so ähnlich auch in der Blockchain verwendet wird. Auf diese Weise lassen sich auch äußerlich kaum zu unterscheidende Produkte wie Eier fälschungssicher identifizieren und auseinanderhalten.
Die für das Respeggt-System eingesetzte Technik wurde von dem Regensburger Start-up Youki entwickelt. Martin Stoussavljewitsch, einer der Gründer und CEO des Unternehmens, hat sie auf der „Digital Farming Conference“ in Berlin vorgestellt. Nach seinen Angaben können die Respeggt-Eier mit einem Aufpreis von zwei bis drei Cent pro Ei verkauft werden. Aufgrund der jährlich in Deutschland etwa 15 Milliarden produzierten Eier sieht er ein potenzielles Markt­­vo­lumen für das System von bis zu 400 Millionen Euro. Der von Youki entwickelte Distributed Ledger lasse sich außerdem auch in anderen Erzeugungssektoren der Landwirtschaft anwenden.
Landwirtschaft 4.0 im Fokus der Bundestagsparteien
Die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD haben die Bundesregierung in dem im Mai dieses Jahres veröffentlichten Antrag „Chancen der Digitalisierung nutzen – Offener Zugang und standardisierte Datenformate für eine zukunftsfähige Landwirtschaft 4.0“ zu folgenden Maßnahmen aufgefordert:
  • Den Breitbandausbau im ländlichen Raum zu intensivieren, um die Präzisionslandwirtschaft auf allen Äckern und Wiesen sowie eine moderne multifunktionale Forstwirtschaft in den Wäldern zu ermöglichen
  • Darauf hinzuwirken, dass die Bundesnetzagentur ein unbürokratisches Regulierungsumfeld schafft, damit unter vertret­baren Kosten lokale Netze betrieben und die besonderen Bedürfnisse der Land- und Forstwirtschaft besser bedient werden können
  • Zu prüfen, wie Wetter-, Boden- und andere Geodaten sowie relevante Betriebsmitteldaten und Förderanträge auf der Grundlage des Geodatenzugangsgesetzes und des E-Government-Gesetzes den Bürgern und insbesondere den Landwirten sowie den Waldeigentümern kostenlos und unter Wahrung des Datenschutzes zur Verfügung gestellt werden können
  • Fragen der Datensicherheit und Datenhoheit aller Nutzer entlang der Wertschöpfungskette zu klären und dabei sicherzustellen, dass ohne Einverständnis des Urhebers keine Daten zur Analyse und Auswertung an Dritte weitergegeben beziehungsweise durch Verwaltungsbehörden genutzt werden
  • Eine umfassende Technikfolgenabschätzung durchzuführen, die die langfristigen Auswirkungen der neuen Verfahren auf Menschen, Lebensmittel, Tiere, Umwelt und damit die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft analysiert
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