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KI wird zum Game Changer

Offline und online

von - 24.03.2020
KI im Handel HDE Handelsverband Deutschland Einsatzfelder
Einsatzfelder von Künstlicher Intelligenz: Algorithmische Entscheidungen kommen im Handel in vielen Bereichen vor.
(Quelle: Handelsverband Deutschland (HDE))
Auch wenn man im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz oft erst einmal an die Großen der Branche denkt - das Thema betrifft grundsätzlich jeden Händler, vom Big Player online wie stationär bis hin zur Boutique um die Ecke und zum kleinen, spezialisierten Online-Shop. „Es ist keine Frage der Größe, sondern eine Frage des Nutzens: Wo ist KI sinnvoll?“, betont Stephan Tromp. Zwar räumt er ein, dass für einen kleinen Modeladen die Entwicklung eigener KI-Systeme in den meisten Fällen nicht leistbar sei - „nichts­desto­trotz können auch Mittelständler mit standardisierten, eingekauften KI-Applikationen zum Beispiel für die Inventur oder das smarte Energiemanagement von intelligenten Systemen profitieren.“
Ähnlich sieht das Aleš Drábek: KI sei definitiv nicht nur für große Händler oder Shops geeignet. Auch kleinere Läden könnten Künstliche Intelligenz einsetzen, hätten allerdings oft zu wenig Daten und Ressourcen, um ein solches Projekt zu stemmen. Sie könnten aber dennoch Nutzen aus KI-Aktivitäten ziehen, etwa mit Plattformen, die bereits fertige Algorithmen anbieten, unter anderem zur Absicherung des Online-Auftritts und um Betrugsversuche zu erkennen.
„Dem spezialisierten Online-Shop oder der kleinen Boutique ist etwa mit einer Analyse, welche Kunden besonders gut auf Promotion von verwandten Produkten ansprechen dürften, oder einer Prognose, wann sie von welchen Artikeln besonders viele verkaufen können, genauso geholfen“, ergänzt Nadine Wolanke. Sie sieht ebenfalls in Plattformen eine Lösung: „Wenn Shops KI über eine Plattform nutzen, dann können sie von KI profitieren, ohne Spezialisten zu benötigen - was sonst eine Hürde wäre.“
Stephan Tromp
Stephan Tromp
Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland
www.hde.de
Foto: HDE
„Es ist keine Frage der Größe, sondern eine Frage des Nutzens: Wo ist KI sinnvoll? Dies ist auch eine Abwägung, die große Händler treffen müssen.“
Vor allem wenn es für das Ladengeschäft, das auch online aktiv ist, darum geht, gegen die wachsende Online-Konkurrenz zu bestehen, kann Künstliche Intelligenz eine Chance bieten. „Der Online-Handel und der stationäre Handel verschmelzen immer mehr“, berichtet Nadine Wolanke. Das zeige zum Beispiel die steigende Nutzung sogenannter Click-and-Collect-Angebote, das Abholen von Online-Bestellungen im stationären Geschäft. Laut „Salesforce Holiday Shopping Report 2019“ verzeichneten Einzelhändler, die Click and Collect angeboten haben, in den letzten fünf Tagen der Saison 56 Prozent mehr aktive digitale Käufer. Einen weiteren Beleg stelle die steigende Anzahl an Showroom-Konzepten dar, bei denen Marken und Händler in bevorzugten Lagen Flagship-Stores betreiben. Dort können Kunden die Marke und die Produkte hautnah erleben und sie entweder nach Hause oder zur Abholung bestellen. „Man spricht ja auch bei Kunden, die zunächst im Handel vor Ort nach Produkten suchen, um sie dann online zu kaufen, vom sogenannten Showrooming.“ Um dieses Erlebnis überzeugend zu gestalten, seien intelligente Technologien für die Planung, das Back-Office und den Kundenservice unerlässlich.
Die meisten Händler seien, so Aleš Drábek, heutzutage bereits sowohl stationär als auch online vertreten und würden ihr Geschäftsmodell auf Omnichannel ausrichten. In vielen Handelsbereichen seien derzeit große internationale Unternehmen mit hohen Marketingbudgets und Vorteilen aufgrund des Einkaufsvolumens führend. „Aber ich persönlich sehe für die Zukunft eine deutliche Chance für kleinere Unternehmen, die ihren Fokus auf die Entwicklung von Technologien, insbesondere von KI setzen.“
Mitarbeiter, die stark digital denken, spielen dabei eine wichtige Rolle - und die gibt es gerade auch in vielen kleinen Unternehmen.

KI im B2B

Auch wenn Künstliche Intelligenz im B2C-Bereich mittlerweile eine gewisse Bedeutung erlangt hat - im B2B-Sektor kommt KI bislang erst marginal zum Einsatz. Conrad-CDDO Aleš Drábek ist sicher, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird. Ein Grund sei, dass B2B-Einkäufer immer mehr Bestellungen über B2B-Marktplätze und Beschaffungsplattformen abwickeln. „Auf diesen Plattformen gibt es Millionen von Produkten. KI wird daher die Selektion von Produkten für die Einkäufer erleichtern.“ KI könne auch unterstützen, Lager zu reduzieren und dadurch Kosten zu minimieren. Denn: „Industriebetriebe sind auf optimale Auslastung ihrer Anlagen angewiesen, Ausfallzeiten kosten enorm viel Geld.“ Deshalb werde viel auf Vorrat eingekauft, was hohe Kosten verursache. Als weiteren Grund für mehr KI im B2B sieht Aleš Drábek den Aspekt Nachhaltigkeit, „ein Thema, das heutzutage nicht nur zum guten Ton gehören, sondern ein Muss für jedes Unternehmen sein sollte“. Die Digitalisierung interner Prozesse, der Logistik und der Produktion durch den Einsatz von KI-Algorithmen könne dabei unterstützen, den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens zu verringern.
Nadine Wolanke bestätigt den Trend zu KI auch im B2B-Bereich: „Wir sehen zurzeit, dass KI im B2B-Umfeld eine zunehmend wichtigere Rolle bei Prozessen und Entscheidungen spielt.“ Immer mehr Unternehmen würden ihre Einkaufsprozesse auf digitale Plattformen umstellen, da Kunden mittlerweile auch im B2B-Geschäft die gleichen Funktionalitäten erwarteten, die man als Privatkunde zu schätzen wisse. „KI spielt hier eine tragende Rolle, auch für den Kontakt zum Geschäftskunden sind Personalisierung und ein effizienter Kundenservice extrem wichtig.“
KI im Handel am Beispiel Douglas Skinmade
Individuelle Hautcreme: Ein kurzer Hauttest und wenige Augenblicke später ist das genau auf den Kunden zugeschnittene Pflegeprodukt fertig.
Foto: Fraunhofer IPA / Rainer Bez
Praxis-Beispiel II: KI mischt Hautcreme
Die richtige Creme für den eigenen Hauttyp zu finden, ist gar nicht so leicht. Die Parfümerie-Kette Douglas hat in einigen Filialen Geräte aufgestellt, die mittels Künstlicher Intelligenz binnen Minuten eine personalisierte Creme anrühren.
Das Gerät des Unternehmens Skinmade, einer Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), ist so groß wie ein Kleiderschrank und fasst eine komplette Produktionsstraße – die Maschinensteuerung, Rohstoffe, Tiegel und Deckel sowie Messgeräte, um den Feuchtigkeits- und Fettgehalt der Haut des Kunden zu analysieren.
Bevor die Herstellung der personalisierten Hautcreme startet, wird an Stirn, Wange und unterhalb des Mundwinkels der Feuchtigkeits- und Fettgehalt der Haut ermittelt. Das Messverfahren basiert auf der Fettfleck-Fotometrie: Ein mattiertes Band wird für 30 Sekunden auf die Haut gehalten. Nach Kontakt mit dem Sebum, dem Hauttalg, wird das Band lichtdurchlässig und gibt so Aufschluss über den Fettgehalt der Haut. Eine weitere Messung bestimmt deren Elastizität.
Nun kommen selbstlernende Algorithmen und eigens programmierte neuronale Netze zum Einsatz, die das Messergebnis auswerten und berechnen, welche Inhaltsstoffe die Creme in welcher Konzentration enthalten soll. Nach sieben Minuten erhält der Kunde einen Tiegel mit seiner individuellen Creme.
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