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Der IoT-Trend ist wie die Dotcom-Blase

Nicht alles sollte in die Cloud migriert werden

von - 26.04.2018
com! professional: Was bereitet Ihnen Sorge im Hinblick auf die Entwicklung im Bereich IoT?
Hüssy: Sorge wäre ein großes Wort. Aber ich kann den Wunsch nicht nachvollziehen, unbedingt alles in die Cloud zu mi­grieren. Ich verstehe Entscheider in Industriebetrieben, die einen klaren Kosten- und Effizienzvorteil sehen, wenn sie ihre Lösungen in die Cloud verschieben. Aber inzwischen kommt jeder Entwickler, der sich auf Kickstarter ein Projekt finanzieren lässt, mit einem eigenen Cloud-Dienst inklusive API daher. Durch die Kombination mit all den Cloud-Services entspricht der Energieverbrauch eines Smartphones dem eines alten Kühlschranks. Das ist nicht energieeffizient. Hier braucht es ein Umdenken.
com! professional: Aber der Trend geht in Richtung Cloud.
Hüssy: Was lokal funktionieren kann, sollte auch lokal betrieben werden. Wenn man die Logik eines Prozesses in die Cloud auslagert, wird man früher oder später auf die Nase fallen. Der Router oder eine Leitung können ausfallen oder die Latenzzeiten erhöhen sich.
Stellen Sie sich vor, Ihre Großmutter geht in den Keller und ein über eine Webapplikation betriebener Bewegungsmelder schaltet das Licht nicht rechtzeitig ein, um einen Sturz zu verhindern. Nur weil die Latenzzeit just in dem Moment zu hoch war. Eine weitere Sache ist das Pricing.
com! professional: Was sehen Sie daran kritisch?
Hüssy: Wer heute eine IoT-Lösung kauft, sagt Ja zu zwei Dingen, die ich gefährlich finde: Man sagt Ja dazu, dass das Gerät von heute auf morgen obsolet werden kann. Zudem sagt man Ja zu einem Subskriptionsmodell. Ein Modell, das es einem erlaubt, ein erworbenes Gerät zu nutzen, jedoch nur, solange man regelmäßig bezahlt.
com! professional: Und auf welche Weise verdient Nomos System sein Geld?
Hüssy: Anstatt auf ein Leasing-Modell zu setzen, verkaufen wir eine Appliance mit unserer Software auf hochwertiger Hardware. Wer unser Gerät kauft, ist auch Eigentümer davon. Dadurch vermeiden wir versteckte Kosten für den Kunden. Zudem hat der Kunde auch noch in zwei Jahren das Anrecht auf ein Upgrade. Wir machen eigentlich all das, was wir in den letzten fünf Jahren in der Industrie gelernt haben, rückgängig.
com! professional: Wie sind Sie auf die Idee für Ihr Unternehmen Nomos System gekommen?
Hüssy: Im Frühling 2003 kam der iTunes Store heraus. Meine Bekannten kauften sich ihre Musiksammlungen nochmals neu bei iTunes, anstatt CDs zu rippen. Mir wurde klar, dass Software die Hardware als Quelle der Information ablöst.
Ursprünglich kam ich aus dem Bereich Bühnentechnik. Bei uns stand immer die Hardware wie Kabel und Schalter im Vordergrund. Es stellte sich also die Frage: Welche Software kann Software steuern und die Hardware quasi huckepack nehmen, wenn sie es muss?
com! professional: Wie sind Sie das Problem angegangen?
Hüssy: Wir haben im Sommer 2005 ein Proof of Concept in Java geschrieben. Wir stießen dabei auf zwei Beschränkungen: erstens die Latenzzeit bei der Signalübertragung über WLAN und zweitens die Limitierungen von Java. Je mehr man hinzuprogrammiert, desto exponentiell schwerer wird die Lösung. Wir haben gelernt, dass, wenn wir es richtig machen wollen, wir komplett auf C wechseln müssen, damit wir skalierbar sein können. Das haben wir gemacht und begannen als Einzelunternehmung. 2009 sparten wir Geld zusammen, um unser Unternehmen zu gründen.
com! professional: Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Hüssy: Damals war Automation ein Hardware-dominiertes Business und wir traten mit einer Software in einer Hardware-dominierten Branche an. Wir haben zwar mit unserer Idee recht behalten, wie sich heute zeigt. Aber damals blies uns ein eisiger Wind ins Gesicht.
com! professional: Was treibt Sie persönlich an?
Hüssy: Ich hätte mit meinem Unternehmen zweimal in die USA ziehen können. Ich entschied mich bewusst dagegen.
com! professional: Aber alle wollen doch im Silicon Valley durchstarten?
Hüssy: All das, was die im Silicon Valley machen, können wir auch in der Schweiz. Wir geben uns nur etwas bescheidener. Überdies ist mir Nachhaltigkeit wichtiger als das schnelle Geld. Man kann auch organisch wachsen.
com! professional: Muss Ihr Unternehmen nicht vor allem schnell wachsen? Mit Herstellern wie PTC oder Allthings haben Sie starke Konkurrenz. Wie wollen Sie sich behaupten?
Hüssy: Eben weil es diese Konkurrenz gibt, wachsen wir. Wir lösen praktische Probleme. Durch unsere Lösung können Unternehmen zum Beispiel die SAP-HANA-Cloud einfach betreiben. HANA-Cloud im IoT-Umfeld kombiniert mit unserem Produkt, ist nichts anderes als eine Art Facility-Management im Produktionsbetrieb. Wir halten dabei die Logik lokal. Man kann die Fabrik vom Web lösen und sie arbeitet immer noch.
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