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Procurement-Prozesse in der Cloud

Im Gespräch mit Prof. Dr. Roland Bogaschewsky

von - 11.09.2018
Prof. Dr. Roland Bogaschewsky
Prof. Dr. Roland Bogaschewsky: Lehrstuhl für BWL und Industriebetriebslehre, wissenschaftliche Fakultät der Universität Würzburg
(Quelle: Universität Würzburg )
Die durchgehende Automatisierung operativer Prozesse und die KI-gestützte Lieferantensuche sind zwei der Trends, die das Beschaffungswesen revolutionieren.
Ronald Bogaschewsky, Wirtschaftwissenschaftler und wissenschaftlicher Beirat im Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), erklärt, was sich im Beschaffungsmanagement alles automatisieren lässt – und welche Rolle Technologien wie die Blockchain spielen werden.
com! professional: Herr Professor Bogaschewsky, Sie untersuchen im jährlich erscheinenden BME Barometer, wie sich die Nutzung elektronischer Beschaffungsmöglichkeiten in den Unternehmen verändert. Welche Rolle spielt dabei der Trend zu Cloud-Computing?
Ronald Bogaschewsky: Grundsätzlich verliert die eigene Datenhaltung auf selbst betriebenen Servern im E-Procurement zunehmend an Relevanz. Von den ganz großen Unternehmen abgesehen, setzen immer weniger Firmen komplett auf eigene Inhouse-Systeme. Operative Beschaffungsprozesse sind zudem keine Kernkompetenz und es bringt auch keine Wettbewerbsvorteile, wenn man diese im eigenen Unternehmen organisiert. Das können Dienstleister häufig professioneller und kostengünstiger.
com! professional: Viele Unternehmen haben nach wie vor Bedenken, dass dabei Datenschutz und Datensicherheit nicht gewährleistet sind. Spielen diese Vorbehalte keine Rolle mehr?
Bogaschewsky: Die meisten Betriebe haben erkannt, dass man viele der scheinbar sicherheitskritischen Daten durchaus nach außen geben kann, wenn hierfür klare Regeln mit hohen Datenschutz- und Vertraulichkeitsstandards mit dem Dienstleister vereinbart werden.
Die Datensicherheit ist bei einem professionellen Anbieter nicht selten deutlich höher als im eigenen Rechenzentrum. Kaum ein Mittelständler kann oder will sich eine vergleichbare IT-Sicherheitsinfrastruktur leisten. Man darf auch nicht vergessen, dass Angriffe auf die IT sehr häufig aus dem eigenen Unternehmen heraus erfolgen. Diesbezüglich sind die Daten in einer professionell gemanagten Cloud beziehungsweise bei einem seriösen Dienstleister oftmals besser geschützt als in internen Strukturen.
com! professional: Das heißt, Unternehmen lagern ihre Beschaffungsprozesse nahezu flächendeckend aus?
Bogaschewsky: Nein, zumindest nicht im Sinne eines klassischen Outsourcings. Niemand baut heute mehr Transaktionszentren in Osteuropa oder Indien auf, das ist Schnee von gestern.
Der Trend geht vielmehr zur vollständigen Automatisierung des operativen E-Procurements, von der Ausschreibung über die Beauftragung bis hin zur Bezahlung. Prozesse werden, wo immer es möglich ist, standardisiert. Wo eine solche Vereinheitlichung nicht oder noch nicht realisierbar ist, behilft man sich mit Bestellrobotern, um möglichst nicht mehr von Hand eingreifen zu müssen.
com! professional: Sind die Unternehmen denn tatsächlich schon so weit?
Bogaschewsky: In kleineren mittelständischen Unternehmen ist das sicher noch nicht flächendeckend angekommen. Ich sehe das aber nicht als die Herausforderung. Viel wichtiger ist die Frage,
wie sich Big Data Analytics, Social-Media-Monitoring, Künstliche Intelligenz oder Blockchain zur strategischen Optimierung von Beschaffungsprozessen verwenden lassen.
com! professional: Was können diese Technologien zu einem besseren E-Procurement beitragen?
Bogaschewsky: Mit ihrer Hilfe lassen sich weltweit Lieferanten finden und vergleichen. Sie können analysieren, mit welchen Unternehmen diese Anbieter bereits Lieferbeziehungen unterhalten und wie hoch das Ausfallrisiko ist. Allein durch die Transparenz darüber, wer mit wem Geschäfte macht und wo der Mitbewerber einkauft, können Sie Ihre Beschaffungsstrategie ganz anders aufstellen. Dieser Trend ist nicht aufzuhalten. In fünf bis zehn Jahren werden Beschaffungsmarktforschung und Lieferantensuche mit Hilfe von Big Data Analytics und KI zum Standard gehören. Es wird sogar so weit gehen, dass Ausschreibung und Vergabe zumindest kleinerer Lose komplett automatisiert von Verhandlungsagenten erledigt werden.
com! professional: Welche Rolle spielen Beschaffungsplattformen in dieser Entwicklung?
Bogaschewsky: Eine ganz entscheidende. Plattformen für Standardgüter wie Amazon Business oder Mercateo Unite werden sich sehr schnell durchsetzen, weil sie die Beschaffung von Büroartikeln und Verbrauchsmaterialien massiv vereinfachen. Auch bedarfsspezifische Plattformen profitieren von diesem Trend.
com! professional: Das heißt, Beschaffung wird zukünftig weitgehend automatisiert ablaufen?
Bogaschewsky: Ja, wobei man zwischen den operativen und den strategischen Prozessen unterscheiden muss. Operativ wird tatsächlich automatisiert in dem Sinn, dass quasi keine manuellen Eingriffe mehr nötig sind. Im strategischen Bereich geht es mehr um die Vorbereitung von Entscheidungen, um Datenbeschaffung, -strukturierung und -voranalyse.
com! professional: Sie haben das Thema Blockchain erwähnt. Welche Rolle spielt diese Technologie im E-Procurement?
Bogaschewsky: Von den genannten Trends hat Blockchain meiner Ansicht nach insgesamt in naher Zukunft den geringsten Effekt auf Einkauf und Supply Chain, auch wenn das Thema derzeit sehr gehypt wird.
com! professional: Haben nicht Smart Contracts, die ja auf Blockchain basieren, ein großes Potenzial, das Supply Chain Management zu revolutionieren?
Bogaschewsky: Es gibt sicher Bereiche, wo das passieren wird. Wenn Sie jeden Tag Tausende von Kleinverträgen über Standarddienstleistungen oder -produkte abschließen, etwa in der Logistik, sind Smart Contracts natürlich ausgesprochen hilfreich.
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