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Algorithmen pflegen statt Mandanten betreuen?

Roboter-Anwalt

von - 20.08.2019
Leverton
Leverton: Mit Hilfe von KI analysiert das Programm Dokumente und filtert relevante Informationen heraus.
(Quelle: com! professional / Screenshot )
Eine Kanzlei, die ihr Geschäftsmodell auf Legal Tech umgestellt hat, ist Ratis aus Passau. Ursprünglich bearbeitete Inhaber Sven Galla als Anwalt einzelne Fälle aus dem Zivilrecht, meist mit Mandanten aus einem Umkreis von etwa 100 Kilometern. Mittlerweile agiert seine Kanzlei bundesweit und hat sich auf Fälle mit großem Volumen wie Flugverspätungen oder Kündigungsschutzklagen spezialisiert, die ähnlich aufgebaut sind und in gleichen Schritten ablaufen.
Einer seiner wichtigsten Mitarbeiter ist sein Schwager Martin Bartenberger, der als Technischer Direktor von Ratis fungiert und die technische Basis für die Legal-Tech-Aktivitäten der Kanzlei geschaffen hat.
So baute er einen Algorithmus für Entschädigungen bei Flugverspätungen und dann mit Ratis-Bot den ersten juristischen Chatbot in Deutschland, der automatisch bei rechtlichen Problemen unterstützt. Der Roboter-Anwalt kommuniziert als virtueller Assistent mit den Mandanten, beantwortet Fragen und hilft ihnen dabei, etwa ihre Kündigung zu überprüfen oder bei Flugverspätungen ihre Entschädigung einfach und unkompliziert einzufordern.

Informatiker in der Kanzlei

„Wir konzentrieren uns auf Lebenslagen, die oft vorkommen, etwa Kündigungen und Flugverspätungen. Über den Ratis-Bot kann ein Mandant zunächst prüfen, ob er nach einer Kündigung Chancen auf eine Abfindung hat, und falls ja, in welcher Höhe“, erklärt Martin Bartenberger.
Martin Bartenberger
Martin Bartenberger
Technischer Direktor der Rechtsanwaltsgesellschaft Ratis
www.ratis.de
Foto: Ratis
„Viele Menschen empfinden den Weg zum Anwalt fast wie einen Zahnarztbesuch. Sie fühlen sich als Bittsteller. Legal Tech vereinfacht den Weg, zu seinem Recht zu kommen.“
Wünscht der Mandant eine weitere Beratung, gibt er seine Daten ein. Diese werden von einem Algorithmus geprüft, der dann bei Bedarf weitere Unterlagen anfordert. Erst dann kommt ein Anwalt ins Spiel. Er kontaktiert den Mandanten und greift bei Bedarf erneut auf den Algorithmus zurück, der dann binnen Sekunden ein Schreiben an den Arbeitgeber oder eine Kündigungsschutzklage erstellt.
„Früher dauerte das Tage. Die Maschine entlastet unsere Anwälte von Routinearbeiten und durch die Automatisierung können wir viel höhere Fallzahlen bearbeiten und weiter wachsen. Die Zukunft der Rechtsberatung liegt meiner Meinung nach im Massengeschäft“, ist Bartenberger überzeugt. Mittlerweile beschäftigt Ratis 35 Leute und verdient laut Bartenberger so gut wie nie.
Um für die Zukunft gerüstet zu sein, sucht Ratis neben Juristen auch die in vielen Branchen und vielen Gebieten heiß begehrten Informatiker, um die Algorithmen zu verfeinern und auf andere Rechtsthemen wie Verkehrsrecht auszuweiten. Juristischen Nachwuchs zu finden, ist nicht das Problem: „Da das Thema komplexer wird, benötigen wir technische und juristische Expertise - und damit verbunden eine Abkehr vom traditionellen Berufsbild und Standesdenken der Anwälte. Bei uns stehen die Jurastudenten für Aushilfsjobs Schlange. Die junge Generation setzt sich mit dem Thema Legal Tech auseinander.“

Studenten ergreifen Initiative

Dazu gehören Leah Becker und Maria Petrat, die beiden Vorsitzenden der Munich Legal Tech Student Association, einer studentischen Initiative an den Münchener Universitäten im Bereich Legal Technology. Sieben junge Studentinnen und Studenten, da­runter Maria Petrat, gründeten den Verein 2017, nachdem sie an einer Konferenz in Mannheim teilgenommen hatten. Kurz nach der Gründung stieg Leah Becker ein.
Leah Becker
Leah Becker
Vorsitzende Munich Legal Tech Association
www.ml-tech.org
Foto: Munich Legal Tech Student Association
„Legal Tech verändert die Arbeitsweise von Juristen und erfordert ein neues Mindset. Wir müssen und wollen künftig interdisziplinär mit Informa­tikern zusammenarbeiten.“
„Unser Ziel ist es, die Lücken des Lehrangebots an der Uni zu schließen und bei Juristen das Bewusstsein für die Bedeutung von Legal Tech zu wecken. Wir wollen zudem eine interdisziplinäre Diskussion zwischen Juristen, Informatikern sowie interessierten Studenten aus anderen Fachbereichen ermöglichen“, erklärt Leah Becker.
Zu diesem Zweck organisiert der Verein Diskussionen, Vorträge oder Workshops zu verschiedenen Themen im Bereich Legal Tech, besucht einschlägige Messen oder Konferenzen und vernetzt sich auch international mit Persönlichkeiten aus der Branche. Derzeit hat der Verein 70 Mitglieder, Tendenz steigend. „Wir wollen über den Tellerrand schauen und den Jurastudenten zeigen, dass sich die juristische Arbeitswelt durch Legal Tech verändert und sich völlig neue Perspektiven ergeben. Abgesehen von den vielfältiger werdenden klassischen Möglichkeiten im Gericht, in der Kanzlei oder in der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens, tun sich ganz neue Berufsmöglichkeiten auf. Zum Beispiel ist auch die Gründung eines Legal-Tech-Start-ups eine aussichtsreiche Alternative“, führt Maria Petrat aus.
Für die beiden Vorsitzenden der studentischen Initiative verändert Legal Tech die juristische Arbeits- und Denkweise durch technischen Fortschritt. Dazu gehören wiederkehrende automatisierbare Abläufe, die von Maschinen übernommen werden. Zu nennen sind hier zum Beispiel Software zum automatisierten Erstellen von Verträgen, die automatisierte Analyse von Verträgen und Dokumenten etwa nach Klauseln, die gegen Recht verstoßen, oder die automatisierte Durchsetzung von Verbraucherrechten.
In perfekter Symbiose dazu sehen sie den Denkansatz Legal Design. „Dahinter verbergen sich Methoden, wie man kreativ nutzerorientierte Lösungsansätze finden kann, etwa um Verträge besser darzustellen und zu visualisieren, wobei Legal Tech eine große Hilfe sein kann“, wie Leah Becker erläutert.
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