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GAIA-X soll zur Europa-Cloud werden

Partner und Strukturen

von - 13.01.2020
Gaia-x-Broschüre
Offiziell: Eine 56-seitige Broschüre skizziert die Pläne für GAIA-X.
(Quelle: com! professional / Screenshot )
Welche feste Struktur GAIA-X erhalten soll, ist noch unklar, ebenso, wie und wann das geschehen soll. Die Projektteilnehmer diskutieren noch darüber, in welche Form GAIA-X „gegossen“ werden soll. Die Broschüre spricht von einer „Organisation mit Rechtsfähigkeit“. Eine Möglichkeit ist die Gründung einer „Europäischen Genossenschaft“. Das BMWi erklärt, dass es eine zügige Gründung im Frühjahr 2020 anstrebt.
Jeder Cloud-Dienstanbieter kann durch den Einsatz der GAIA-X-Technologie und deren Referenzarchitektur zu einem Knoten des Netzwerks, einem GAIA-X-Knoten, werden. Das Projekt ist offen für weitere Partner aus Deutschland und Europa und auch für außereuropäische Unternehmen und Organisationen, denn schließlich sind die Wertschöpfungsketten in der Industrie global angelegt. Voraussetzung ist, so teilte das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage mit, dass „sie unsere Ziele und Werte der Datensouveränität und Datenverfügbarkeit teilen“.

Die Architektur

Jeder Knoten der vernetzten Infrastruktur bildet eine eigenständige Einheit, die eindeutig identifizierbar und erreichbar ist. Eine Selbstbeschreibung vermittelt Spezifika und Fähigkeiten der einzelnen Knoten. Sie enthält Aussagen zum Ort der Speicherung und der Verarbeitung der Daten, zu den verwendeten Technologien, zur Rechen- und Speicherleistung sowie zur bereitgestellten Funktionalität. Aus der Selbstbeschreibung soll beispielsweise hervorgehen, ob die Datenspeicherung im Inland oder zumindest im Geltungs­bereich der EU-Datenschutz-Grundverordnung erfolgt. Zudem soll die Selbst­beschreibung Informationen über die Echtzeitfähigkeit, zum Preismodell, zum zertifizierten Schutzgrad des Knotens und zur Energieeffizienz liefern. Die Knoten können eine Public oder eine Private Cloud oder ein Edge-Knoten sein.

Kosten, Budget, Förderung

Zu den Kosten, zum Budget und zu den Fördermitteln äußerte sich das BMWi auf Anfrage nicht. Das Projekt solle aber hauptsächlich von der Wirtschaft getragen werden, teilte das Wirtschaftsministerium bislang mit. Angaben zu den Startkosten könnten derzeit noch nicht ­gemacht werden. Geklärt werden müsse auch noch, wie hoch die laufenden Kosten sein werden, wie Gebühren- oder Geschäftsmodelle aussehen und ab wann sich GAIA-X finanziell selbst tragen soll. Mit Hinweis auf die Haushaltsverhandlungen im Parlament sagt das BMWi auch nichts dazu, welches Budget es für GAIA-X eingeplant hat oder ob Unternehmen und Verbände Fördermittel für GAIA-X beantragen können.

Der Zeitplan

Die GAIA-X-Organisation soll im Frühjahr 2020 gegründet werden. Im zweiten Quartal sollen erste Tests des technischen Konzepts erfolgen (Proofs of Concept). Noch 2020 soll der Live-Betrieb mit ersten Anwendern und Anbietern beginnen.
Das Bundeswirtschaftsministerium erklärt, dass das Inte­resse an GAIA-X aus  Industrie und Wirtschaft groß sei. Nach der Veröffentlichung hätten viele Unternehmen Interesse an einer Mitarbeit ­bekundet. Nun sollen weitere Partner in Europa gewonnen werden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will mit der französischen Regierung die Einzelheiten des Projekts besprechen und dann an Regierungen und ­Unternehmen in anderen europäischen Ländern herantreten, damit sie sich ebenfalls beteiligen. „Diese Infrastruktur wird dazu beitragen, dass wir unsere digitale Souveränität wiederherstellen“, ist der Bundesminister überzeugt.
+
Pro
Es muss einen europäischen Gegenpol geben
Wir sind fest davon überzeugt, dass es einen europäischen Gegenpol zu den Hyperscalern aus Asien und den USA geben muss. Das Thema Datenschutz – etwa Stichwort CLOUD Act – ist gerade für deutsche Mittelständler heute oft der Hauptgrund, sich ­gegen die Nutzung von Cloud Computing zu entscheiden. In Europa gibt es viele starke Cloud-Anbieter mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Da keiner mit den großen Playern mithalten kann, ist GAIA-X als Gemeinschaftsinitiative der richtige Weg.
Wir brauchen ­gemeinsame Standards und Schnittstellen für Cloud-Plattformen, damit Firmen die Sicherheit haben, dass sie in der Cloud gespeicherte Daten und Anwendungen ohne viel Aufwand von einem Anbieter zum anderen umziehen können. Wie dann die Ausgestaltung der einzelnen Cloud-Lösungen aussieht, wird jeder Anbieter für sich ­entscheiden. Wir haben uns intensiv mit Gaia-X beschäftigt und entschieden, uns aktiv an dem Projekt zu beteiligen.
Rainer Sträter
Rainer Sträter
Head of Global Platform Hosting bei Ionos. Ionos by 1&1 ist ein zur United-Internet-Gruppe gehörender europäischer Anbieter von Hosting-Dienstleistungen, Cloud-Services und Cloud-Infrastruktur.
Foto: Ionos
Contra
Wir benötigen keine infrastrukturellen Insellösungen
Nach den aktuell vorliegenden Informationen hierzu ein klares „Nein“. Wir benötigen keine weiteren infrastrukturellen Insellösungen, die sich auf politische oder territoriale Hoheitsgebiete stützen – zumal wenn diese so unkonkret sind, dass selbst die verantwortliche Regierung das Konzept nicht einheitlich erklären kann. Hinzu kommt, dass wir einen Zehnjahresvorsprung der globalen Wettbewerber erst einmal aufholen müssten. Ob das funk­tioniert, halte ich für fraglich. Business funktioniert heute grenzüberschreitend. Wenn große Anbieter besser und günstiger sind und weiterhin Innovationen auf den Markt bringen, werden außereuropäische Geschäftspartner ein Pochen auf GAIA-X eher als Nachteil wahrnehmen. Auf der Basis dessen, was aktuell über GAIA-X bekannt ist – eine ­Insellösung mit undefinierter Datensouveränität unter dem Dach einzelner Staaten und in Zusammenarbeit mit einigen wenigen Unternehmen –, scheint sich mir dieses Konzept für keinen Industriezweig anzubieten.
Arne Schmidt
Arne Schmidt
Mitgründer der Teal AI AG. Teal ist ein Start-up, das mithilfe von künstlicher Intelligenz und einer Blockchain-Infrastruktur einen smarten Blockchain-Marktplatz umsetzt.
Foto: TEAL
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