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Die Maschinen werden immer menschlicher

Wann ist ein Roboter humanoid?

von - 12.06.2018
Armar-6
Armar-6: Der vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelte humanoide Roboter arbeitet als Service-Techniker im Lager eines Online-Händlers.
(Quelle: KIT)
Was aber genau macht einen humanoiden Roboter aus? Muss er zwingend Beine und Arme, einen Kopf und ein Gesicht haben? Oder darf er sich auf Rollen fortbewegen und über einen Bildschirm kommunizieren? „Für mich steht das menschenähnliche Bewegungsverhalten im Vordergrund“, antwortet Tamim Asfour auf diese Fragen. Der Leiter des Lehrstuhls für Hochperformante Humanoide Technologien am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) befasst sich seit rund 20 Jahren mit der Entwicklung humanoider Roboter. Armar-6, das jüngste Modell seiner Roboterfamilie, hat einen Kopf und muskulöse Arme, an deren Ende geschickte Hände Gegenstände und Werkzeuge greifen und manipulieren können. Mit diesen Fähigkeiten hat der Roboter sogar einen Auslandsjob ergattert: Im Rahmen des von der EU mit 7 Millionen Euro geförderten Projekts SecondHands arbeitet er als Servicetechniker im Lager des britischen Online-Shops Ocado.
Mag die Fingerfertigkeit auch beeindruckend sein – untenherum wirkt Armar-6 eher wie eine Mischung aus Hebebühne und Kehrmaschine. Auch insgesamt lässt das glänzend grüne Metallskelett keinen Zweifel daran, dass wir es mit einer Maschine zu tun haben. Anders als etwa Asfours Kollege Hiroshi Ishiguro von der japanischen Osaka-Universität, der einen Androiden nach seinem Ebenbild gebaut hat, möchte der KIT-Professor nämlich allzu viel Menschenähnlichkeit vermeiden: „Ich verfolge mit meiner Forschung nicht das Ziel, eine Kopie des Menschen zu schaffen. Humanoide Roboter sollten auf den ersten Blick immer als Maschine zu erkennen sein.“ Asfour bleibt so auch in sicherem Abstand zum „unheimlichen Tal“ (uncanny valley), das nach der bereits 1970 aufgestellten Hypothese des Robotikers Masahiro Mori zwangsläufig im Weg liegt, wenn humanoide Roboter immer menschlicher werden.
Tamim Asfour
Prof. Tamim Asfour
Leiter des Lehrstuhls für
Hochperformante Humanoide
Technologien am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
www.kit.edu
Foto: KIT/Markus Breig
„Humanoide Roboter sollten auf den ersten Blick immer als Maschine zu erkennen sein.“
Zunächst einmal gefallen Roboter Menschen laut dieser Hypothese um so mehr, je ähnlicher sie ihnen sind. An einem bestimmten Punkt, wenn sich Mensch und Maschine schon kaum mehr unterscheiden lassen, wird es dem Nutzer aber unheimlich – die Akzeptanz fällt ins Bodenlose beziehungsweise ins „unheimliche Tal“. Martin Hägele, Leiter der Abteilung Roboter- und Assistenzsysteme am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, möchte Moris These allerdings relativieren: „Man wird Roboter immer so gestalten, dass sie eine maximale Akzeptanz erzielen.“ Neben Funktion und Bedienung sei dies schließlich ein vorrangiges Design-Kriterium. „Nicht umsonst bedienen Social Robots beispielsweise mit ihren Kulleraugen das Kindchenschema.“
Ob man die Hypothese vom unheimlichen Tal nun glaubt oder nicht – aktuelle Maschinen sind auf jeden Fall noch weit von einer solchen Perfektion entfernt. Der Doppelgänger von Hiroshi Ishiguro und seine an der Osaka-Universität entstandenen Brüder und Schwestern sehen zwar beeindruckend menschenähnlich aus, sie sind jedoch nicht viel mehr als Schaufensterpuppen. „Diese Humanoiden mögen von Menschen kaum zu unterscheiden sein“, sagt Tamim Asfour, „aber sie können nicht einmal grundlegende menschliche Bewegungen wie Greifen oder Laufen ausführen.“
Martin Hägele vom Fraunhofer IPA setzt bei den am Institut entwickelten Care-O-bot-Modellen, die für Assistenzaufgaben in Privathaushalten und Pflegeeinrichtungen konzipiert wurden, bewusst auf nicht anthropomorphe Formen: „Wir versuchen im Design unserer Roboter das Menschenähnliche eher zurückzunehmen, um eine zu große Erwartungshaltung zu vermeiden.“ Dennoch sieht auch Hägele Vorteile in einer humanoiden Gestaltung: „Wenn ein Roboter einen Kopf mit Augen hat, ist klar, dass er in diesem Bereich kommuniziert und angesprochen werden möchte, die Bedienung wird damit intuitiv und braucht keine weiteren Erklärungen.“ Auch für Asfour ist die Interaktion mit dem menschlichen Partner ein wichtiges Argument: „Wenn ich mit einem Roboter zusammen­arbeite oder von ihm im Haushalt unterstützt werde, der zwei Arme und Hände hat, kann ich seine Bewegungen intuitiv vorhersagen. Ich muss dazu kein Handbuch lesen oder ein spezielles Training absolvieren.“
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