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Finanzen im Griff mit Treasury-Management-Lösungen

Im Gespräch mit Philip Tüttö, Partner bei Schwab, Ley & Greiner

von - 10.12.2018
Philip Tüttö
Philip Tüttö: Partner bei Schwabe, Ley & Greiner
(Quelle: Schwabe, Ley & Greiner )
Philip Tüttö ist Partner bei der Finanz- und Treasury-Beratung Schwabe, Ley & Greiner. Im Interview erklärt er, worauf Firmen bei der Auswahl eines Treasury-Management-Systems (TMS) achten sollten.
com! professional: Treasury Management befasst sich mit den Finanzpositionen im Unternehmen und soll die Liquidität sicherstellen. Der Begriff wird aber nicht immer einheitlich definiert. Was verstehen Sie unter Trea­sury Management?
Philip Tüttö: Treasury Management deckt sämtliche Finanztransaktionen im Unternehmen ab. Dazu gehören der Zahlungsverkehr mit Kunden, Lieferanten und Banken, die Bewirtschaftung von Salden, die Liquiditätsplanung, die Durchführung von Finanzierungstransaktionen sowie das Management von Währungs-, Zins- und Rohstoffrisiken.
com! professional: Welche Trends sehen Sie beim TM?
Tüttö: Grundsätzlich lohnt sich ein professionelles TM-System für Firmen ab einem Umsatz von etwa 250 bis 300 Millionen Euro und zunehmender Internationalisierung. Wir sehen vor allem einen Trend zur Automatisierung und weitgehenden Integration in ERP-Landschaften sowie Software as a Service. Heute oft strapazierte Schlagwörter wie maschinelles Lernen oder Robotics sind technisch häufig nicht so neu und disruptiv wie sie klingen, sondern die Technologien sind schon seit einiger Zeit im Einsatz. Mittlerweile sind sie natürlich ausgereifter als vor zehn Jahren. Der starke Hype derzeit ist teils aber etwas übertrieben.
com! professional: Wie sieht es mit der Integration der Zahlungsverkehrs-Plattformen der Banken aus?
Tüttö: Unternehmen wickeln ihre Finanztransaktionen seit Jahren elektronisch ab, benötigen dafür aber unterschiedliche Systeme, Zugangsdaten, Freigabeverfahren und Schnittstellen, da die meisten Banken eigene, pro­prietäre Plattformen für den Zahlungsverkehr verwenden. Die ideale Systemunterstützung im Treasury Management sollte daher eine zentrale, banken­unabhängige Zahlungsplattform beinhalten, um den Wildwuchs an Electronic-Banking-Systemen einzudämmen.
com! professional: Welche Anforderungen sollten Treasury-Management-Produkte noch erfüllen?
Tüttö: Die Grundanforderungen beginnen in der Regel bei der Abwicklung des Zahlungsverkehrs und der Verwaltung von Finanzpositionen. Damit in Verbindung stehen oft auch Funktionen für die Erstellung einer Liquiditätsplanung in unterschiedlichsten Detaillierungsgraden. Mit steigender Komplexität des Grundgeschäfts bekommen Funktionen zur Unterstützung des finanziellen Risikomanagements zunehmende Bedeutung. Die meisten Lösungen sind modular aufgebaut und lassen sich daher bei Bedarf ergänzen.
Sehr wichtig sind flexible Importmöglichkeiten und die weitgehend automatisierte Verarbeitung von Daten. Daten kommen aus verschiedenen Quellen (ERP, Planungs-Software, Banken, Marktdaten-Provider, Handelsplattformen) und sollten sich ohne manuelle Eingriffe in das Treasury-Management-System übertragen und verarbeiten lassen. Das ist nicht so trivial wie es klingt. Für die Liquiditätsplanung und das Risikomanagement müssen Daten etwa sehr häufig mit Zusatz-Informationen angereichert werden. Das System muss hier automatisiert erkennen können, dass ein im Januar erwirtschafteter Umsatz aus einer bestimmten Produktgruppe erst im darauffolgenden März zahlungswirksam wird. Je nach Geschäftsmodell und Unternehmensstruktur werden im TMS demnach auch mehr oder weniger umfangreiche Parametrisierungs-Details und flexible Planungsstrukturen benötigt.
com! professional: Worauf sollten Firmen bei der Auswahl einer Treasury-Management-Lösung achten?
Tüttö: Man kann eine TM-Lösung nicht einfach von der Stange kaufen, sondern benötigt ein gründliches Auswahlverfahren. Firmen müssen sich vorbereiten und sollten in Workshops mit den Anbietern vor allem folgende Fragen klären: Deckt der Anbieter meine funktionellen Anforderungen ab? Passt die Lösung in meine System- und Bankenlandschaft? Wie sieht es mit internen und externen Schnittstellen aus? Wie flexibel ist das Berichtswesen und erhalten wir daraus die notwendigen Entscheidungsgrundlagen?
Hier unterscheiden sich die Anbieter zum Teil erheblich. Es ist schon sehr herausfordernd, alle relevanten Fragestellungen intern zu klären - noch viel schwieriger ist es dann, die angebotenen Lösungen zu vergleichen und zu bewerten. Ähnlich wie bei den Autoherstellern reicht die Palette vom Fiat bis zum Ferrari.
com! professional: Wer ist der Ferrari unter den Herstellern?
Tüttö: (lacht). Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Der Markt hat sich in den letzten Jahren signifikant konsolidiert, und demnach haben sich auch unterschiedliche Strategien der Anbieter entwickelt. Grundsätzlich sollte man unterscheiden zwischen Anbietern, die sämtliche Funktionen des Treasury Managements in unterschiedlicher Detaillierungstiefe abdecken, und Anbietern, die sich auf spezielle Teilbereiche fokussieren. Zu Ersteren zählen beispielsweise ION, FIS, Serrala, Technosis, Bellin, Trinity und natürlich SAP. Tipco hat seine Stärken hingegen in der Liquiditätsplanung, TIS und Omikron legen den Fokus auf den Zahlungsverkehr in der Tiefe.
com! professional: Wo liegen die Herausforderungen bei Treasury-Management-Systemen? 
Tüttö: Ein großes Thema ist natürlich Sicherheit, da ein TM-System viele zahlungsrelevante Daten aus anderen Systemen importiert und bei der Zahlung extern an die Bank überträgt. Für Verbindungen zu Banken werden oft standardisierte Kommunikationskanäle wie SWIFT oder EBICS verwendet, die gewisse Sicherheitsstandards aufweisen. Interne Schnittstellen unterliegen aber oft nur sehr geringen Sicherheitsanforderungen und könnten leicht manipuliert werden. Daher sollten Firmen die Verbindungen und Daten durch Verschlüsselung schützen.
Die Anbindung der weltweiten Bankverbindungen ist eine weitere große Herausforderung. Nicht jede Bank ist über die angeführten Kanäle erreichbar und der Betrieb von verschiedenen Anbindungen ist in unterschiedlichen Ausprägungen auch durchaus mit erheblichen Kosten verbunden. Firmen müssen daher von Anfang an bedenken: Welche Bank binden wir über welchen Kanal an? Welche Produkte werden über welche Bank abgewickelt?
com! professional: Was für eine Rolle spielt das Berichtswesen beim Treasury Management?  
Tüttö: Das Berichtswesen bildet die Basis für wichtige Entscheidungen. Wie viele Eingänge in US-Dollar erwarten wir in nächster Zeit? Müssen wir hier das Währungsrisiko besser absichern? Wie viel Geld müssen wir aufnehmen, um ein neues Vorhaben umzusetzen? Hier ist maßgeblich, welche Informationen ich bekomme und auswerte. Die Daten müssen flexibel aggregierbar und auswertbar sein.
Viele TMS-Projekte scheitern, weil sich die Firmen zu wenig Gedanken über Inhalt und Aufbau der Berichte gemacht haben. Hat der TMS-Anbieter hier Schwächen, müssen Firmen ihre speziellen Reporting-Funktionen oft aufwendig selbst programmieren.
Sie sehen, Treasury-Management-Systeme sind eine hochkomplexe Sache. Man kann nicht auf die Schnelle ein Standardprodukt einführen. Unternehmen verbraten viel Geld, wenn sie im Vorfeld die Anforderungen der Fachabteilungen wie Treasury, Finance oder Controlling zu wenig berücksichtigen.
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