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ERP-Systeme werden zu offenen Plattformen

Markt im Wandel

von - 07.01.2020
Zufriedenheit der ERP-Anwender insgesamt
Langjährige Tendenz: Mit schlanken Lösungen, Branchenlösungen und Lösungen kleinerer ERP-Anbieter sind Anwender am zufriedensten.
(Quelle: Trovarit)
All diese Entwicklungen bewirken einen massiven Umbruch auf dem ERP-Markt. Immer mehr ERP-Workloads werden als Services über die Cloud bereitgestellt. SAP beispielsweise verknüpft alle wichtigen Prozesse mit der cloudbasierten ERP-Lösung S4/HANA, die bis 2025 die bisherigen SAP-ERP-Lösungen für Großkunden ablösen soll. Die großen Service-Plattformen müssen zudem agiler werden, um neue Technologien wie KI, Blockchain, IoT und Robotik zu unterstützen.
Der ERP-Markt wächst daher stetig. 2018 betrug das Volumen des globalen ERP-Markts laut Gartner knapp 35 Milliarden Dollar, ein Wachstum von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bis 2022 soll der Markt um rund 7,1 Prozent wachsen. Mit einem ähnlichen Wachstum rechnen die IDC-Analysten. Sie gehen davon aus, dass die ERP-Ausgaben der Firmen bis 2023 jährlich durchschnittlich um 7,6 Prozent steigen.
Der weltweite ERP-Markt bleibt zudem fragmentiert. Die drei führenden Anbieter SAP, Oracle und Workday nehmen etwa 40 Prozent des Marktes ein, mit Sage und Infor auf den folgenden Plätzen sind es rund 50 Prozent. Dieses Verhältnis hat sich seit Jahren kaum geändert. Auch schon 2013 kamen die fünf führenden Anbieter SAP, Oracle, Sage, Infor und Microsoft auf einen Marktanteil von etwas mehr als der Hälfte. Doch bekommen die etablierten ERP-Hersteller Konkurrenz, sagt Bitkom-Mann Frank Termer voraus. Auf der einen Seite drängen demnach Hersteller von Produktionsleitsystemen (Manufacturing Execution Systems, MES) in den Markt. "Sie bringen mit Automatisierung und IoT viele Voraussetzungen mit. Da das MES eng mit dem ERP-System verknüpft ist, überschneiden sich viele Prozesse", so Termer. Auf der anderen Seite sieht er Industrieplattformen wie Mind­Sphere - laut Siemens ein "cloudbasiertes IoT-Betriebssystem" - in Richtung ERP gehen. 
Matthias Zacher
Matthias Zacher
Senior Consulting Manager bei IDC
www.idc.com/de
Foto: IDC
„Die Frage ist: Wie bekomme ich mit dem ERP-System die Kom­plexität aus dem Business in den Griff?“
"Die ERP-Hersteller stehen also von zwei Seiten aus unter Druck und müssen sich überlegen, wie sie sich positionieren. Suchen sie nach Partnern, klinken sie sich in eine modularisierte Plattform ein, bauen sie diese Plattform selbst?", fragt Frank Termer. Viele Anbieter starten zudem Testballons mit KI-Projekten, Cloud und Blockchain, um Erfahrungen zu sammeln und diese als Mehrwert an ihre Kunden weiterzugehen. "Damit sind sie nicht nur Technologielieferant, sondern erweitern ihr Geschäftsmodell und begleiten ihre Kunden als Berater bei der Digitalisierung. Ein Faustpfand ist hier die Branchenexpertise."
Karsten Sontow, Vorstand von Trovarit (siehe Interview auf Seite 32), fasst die Entwicklung so zusammen: Die großen Anbieter wie SAP, Microsoft oder Infor gingen in Richtung Cloud-Plattform. Kleinere Anbieter würden mit branchenspezifischem Prozess-Know-how überzeugen und könnten Innovationen einfacher umsetzen, da ihre zum Teil auch monolithischen ERP-Lösungen schlank und spezialisiert seien. Für mittelgroße Hersteller werde es dagegen schwer, ins Plattformgeschäft einzusteigen. Sie würden daher für die Entwicklung von Zusatzfunktionen eher auf Partnerschaften setzen, behielten aber den ERP-Kern im eigenen Unternehmen oder schlössen sich wie der deutsche ERP-Anbieter Abas anderen Firmen an. Abas gehört jetzt zu Forterro, einem Zusammenschluss internationaler ERP-Software-Firmen mit Fokus auf speziellen geografischen oder vertikalen Märkten. 
Plattform-Optionen für ERP-Anbieter
Um an der Plattform-Ökonomie teilzunehmen, können ERP-Anbieter zum einen ihr Portfolio um externe Services aus der Cloud erweitern und so selbst zum Kunden einer Plattform werden. Oder sie bieten ihre Produkte und Dienste auf einer Plattform an – als Betreiber oder als Partner eines Betreibers, dessen Plattform verschiedene Hersteller bündelt. Die Entwicklung vollzieht sich dabei oft in drei Schritten:
Die meisten Hersteller ergänzen zunächst ihre eigene Lösung um Services aus der Cloud – von kleineren Apps wie Zeiterfassung oder Reisekostenabrechnungen bis zu IoT-Diensten oder maschinellem Lernen. Zentral sind hier standardisierte Schnittstellen für den Zugriff auf Daten und die Verknüpfung von Prozessen. Einige Hersteller gehen noch einen Schritt weiter und vermarkten ihre Lösung selbst über eine externe Cloud-Plattform, um eine größere Anzahl potenzieller Nutzer zu erreichen. Dafür müssen sie aber ihr Angebot modularisieren und ihr Lizenzmodell auf Pay per Use umstellen.
Im letzten Schritt wird der ERP-Anbieter selbst zum Betreiber einer Plattform. Damit ist ein hoher technischer und finanzieller Aufwand verbunden, da der Betreiber die gesamte Lösungsinfrastruktur selbst verantwortet und möglichst viele Services von Partnern in das Angebot integrieren muss.
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