Integration und Weiterentwicklung

Digital Labs als Motor der Digitalisierung

von - 11.12.2018
Digitalisierung
Foto: Sdecoret / shutterstock.com
Der Erfolg von Digitaleinheiten steht und fällt mit einem konsequenten Lifecycle Management. Digital Labs können hierbei nützliche Helfer sein.
Was tun Unternehmen, wenn sie innovativ und agil die Digitalisierung vorantreiben wollen, ihnen aber einfach nichts einfallen will? Sie stellen einen Chief Digital Officer (CDO) ein, machen einen Design-Thinking-Workshop oder holen sich für viel Geld einen Digitalisierungs-Guru ins Haus. Oder sie gründen ein Digital Lab.
Diese Innovationszentren in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sollen entweder kreativen Köpfen im Unternehmen die Möglichkeit geben, unbelastet von operativen Aufgaben auf neue Ideen zu kommen, das innovative Potenzial von Gründern und Start-ups anzapfen oder beides miteinander kombinieren – idealerweise in einem schicken Co-Working Space in Berlin Mitte. „In einer modernen und von der herkömmlichen Arbeitsweise räumlich getrennten Umgebung können Veränderungen sehr gut vermittelt und erzeugt werden, und zwar frei von Hie­rarchien, Entscheidungshemmnissen und Bürokratie“, beschreibt Dominik Neumann, Vice President beim IT-Dienstleister CGI in Stuttgart, den Ansatz. „Gerade weil sich Software-Projekte gegenüber den tradierten Herangehensweisen so markant verändert haben, eignet sich eine neue Umgebung wie ein Digital Lab bestens, um neue Prozesse zu adaptieren.“
Dominik Neumann
Dominik Neumann
Vice President bei CGI
Foto: CGI
„Erfolgreiche Implementierungen von Digital Labs unterliegen einer strikten Organisation - wann, wer, welchen Aufgaben nachgeht, ist genau getaktet.“
Das Interesse an diesem Konzept und die Nachfrage nach geeigneten Mitarbeitern, Start-ups und Locations ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Das Beratungsunternehmen Crisp Research prognostizierte bereits 2016, dass sich die Zahl der Labs bis 2020 von rund 60 auf 300 verfünffachen werde. Die Unternehmen sollen demnach insgesamt zwischen 1,5 Milliarden und 15 Milliarden Euro pro Jahr in den Aufbau und Betrieb solcher Einrichtungen investieren – abhängig davon, ob Büros gemietet oder eigene Immobilien angeschafft werden. Carlo Velten, Senior Analyst und CEO bei Crisp Research, hält die Prognose weiterhin für realistisch: „Es werden nach wie vor Digital Labs gegründet.“ Die Zahl könnte sogar noch höher sein als vorhergesagt. „Viele Mittelständler haben kleine Labs, die sie aber nicht so öffentlichkeitswirksam vermarkten, wie es bei Großunternehmen üblich ist.“ Andere Zahlen geben ihm recht. Aktuell soll es rund 150 „Digital Innovation Units“ in Deutschland geben, haben die Macher der Studie „Konzerne auf den Spuren von Start­ups 2018“ berechnet, die von Infront Consulting & Management und der Zeitschrift „Capital“ erstellt wurde. Laut der Untersuchung „Digitale Transformation 2018“ der Digitalberatung etventure haben mehr als die Hälfte der deutschen Großunternehmen eine eigene Einheit für die Digitalisierung eingerichtet, 44 Prozent betreiben diese unternehmensintern, weitere 8 Prozent haben sie als externes Tochterunternehmen aufgebaut. „Das entspricht einem Anstieg von mehr als 10 Prozent, allein im Vergleich zum Vorjahr“, erklärt Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer von etventure.
Carlo Velten
Dr. Carlo Velten
Senior Analyst und CEO bei Crisp Research
Foto: Crisp Research
„Wir glauben nach wie vor, dass Labs einen wesentlichen Beitrag zur digitalen Transformation leisten können.“
Mittlerweile gibt es aber auch kritische Stimmen, die den Nutzen von Labs infrage stellen. In der Studie „Designing IT Setups in the Digital Age“, die von dem Beratungsunternehmen A. T. Kearney und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT erstellt wurde, zeigten sich die meisten der 140 befragten Führungskräfte vom Lab-Ansatz wenig überzeugt. „Digital Labs werden von mehr als zwei Dritteln kritisch gesehen, da sie der Systemintegration und Wertschöpfung viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken“, sagt Michael Römer, Leiter des Bereichs Digitale Transformation für Europa, den Mittleren Osten und Afri­ka bei A. T. Kearney. „In vielen Unternehmen entsteht so eine Lähmung und ein Warten auf die ultimative Lösung, die es nicht gibt.“ Dominik Neumann von CGI sieht das ähnlich: „Ein Digital Lab per se ist nicht ausreichend, wenn es keine Integrationsstrategie gibt, neue Prozesse und Verfahren in die Bestandsorganisation dauerhaft zu überführen.“ Philipp Depiereux von etventure hält den Begriff Lab für kritisch, er spricht lieber von Innovation oder Execution Unit. „Es geht ja nicht allein darum, Dinge in der ‚Laborsituation‘ zu testen“, erklärt der Manager. „Ziel einer solchen Einheit ist es, tatsächlich digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen.“
Carlo Velten hält Digital Labs dennoch weiterhin für einen wichtigen Baustein einer Digitalisierungsstrategie. „Wir glauben nach wie vor, dass Labs einen wesentlichen Beitrag zur digitalen Transformation leisten können.“ Nicht das Lab-Konzept an sich sei das Problem, sondern die oft halbherzige Umsetzung: „Die Mitarbeiter im Lab sollen unternehmerisch denken und Verantwortung übernehmen. Bei wichtigen Entscheidungen haben sie aber dann doch kein Mitspracherecht.“ Auch die Erwartung, was Labs leisten und wie schnell sie Ergebnisse liefern können, sei häufig überzogen: „Da sollen ein paar Youngsters in Berlin in zwölf Monaten das Unternehmen retten. Das ist absurd.“
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