com!-Academy-Banner

Cloud-Lizenzen als Kostenfalle

Im Gespräch mit Ulrich Kluge, Consultant Software Asset Management bei Aagon

von - 07.01.2019
Ulrich Kluge
Ulrich Kluge: Consultant Software Asset Management bei Aagon
(Quelle: Aagon )
Ulrich Kluge ist Consultant Software Asset Management, Presales Consulting bei der Aagon GmbH und Experte für Lizenzrecht. Im Interview mit com! professional erklärt er, welche lizenzrechtlichen Fallen in der Cloud lauern und wie man sie vermeiden kann.
com! professional: Herr Kluge, was sollten Unternehmen lizenzrechtlich beachten, wenn sie eine Migration in die Cloud planen?
Ulrich Kluge: In der Cloud haben wir es mit einer grundsätzlich anderen Art der Lizenzierung zu tun. Die Lizenz ist in der Regel an einen User gebunden und nicht an die Hardware, wie es bisher oft der Fall war. Unternehmen sind daher gut beraten, sich von dem Gedanken der Lizenz als physischer Einheit, etwa einem Software-Paket, zu trennen und in Services zu denken.
com! professional: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Kluge: Unternehmen müssen sich mit völlig neuen Vertragswerken auseinandersetzen. Die Nutzung muss unter Umständen ganz anders geregelt, dokumentiert und kontrolliert werden als bisher, um nicht in Kostenfallen zu laufen. Dazu ist Personal, Zeit und Know-how nötig, das bei vielen Anwendern nicht vorhanden ist.
com! professional: Welche Anwendungsfälle machen die größten Probleme?
Kluge: Besonders problematisch ist, wenn Software indirekt aus einer anderen Applikation heraus genutzt wird, etwa eine Datenbank oder ein ERP-System. Das kann zu erheblichen Mehrkosten und Nachforderungen führen.
So hat SAP beispielsweise den britischen Getränkehersteller Diageo wegen indirekter Nutzung von Lizenzen auf mehr als 50 Millionen britische Pfund verklagt und vor Gericht auch gewonnen. Ein ähnlicher Disput mit Anheuser-Busch über 600 Mil­lionen Dollar wurde außergerichtlich beigelegt.
Ein weiteres Thema, das immer wieder Schwierigkeiten macht, sind die sogenannten angebundenen Unternehmen. Wenn ich mit Partnern oder Tochterfirmen zusammenarbeite, an denen ich nicht oder nur mit einer Minderheit beteiligt bin, und ihnen Ser­vices aus der Cloud-Umgebung zur Verfügung stelle, werde ich selbst zum Hoster und benötige entsprechende Service-Provider-Lizenzen.
com! professional: Das heißt, Lizenzkosten können schnell die erhofften Kostenvorteile der Cloud-Nutzung zunichtemachen?
Kluge: Das kann passieren. Ein Kunde von uns hat das einmal für seine Oracle-Lizenzen durchgerechnet. In diesem Fall war die Cloud-Nutzung deutlich teurer als die On-Premise-Variante. Hinzu kommt, dass kaum ein Unternehmen komplett in die Cloud migriert. Lizenzen müssen also auch lokal weiter vorgehalten und bezahlt werden. Der Provider berechnet zudem zusätzliche Leistungen wie Hochverfügbarkeit oder Backup, die in der lokalen Umgebung ebenfalls vorhanden sind. Die Kombination dieser beiden Varianten verursacht doppelte Kosten.
com! professional: Zwingen die Software-Hersteller mit ihren Abo-Modellen die Kunden nicht geradezu in die Cloud?
Kluge: Absolut, das ist die erklärte Strategie der Hersteller. Micro­soft etwa hat angekündigt, dass bis 2020 zwei Drittel der über drei Millionen deutschen Bestandskunden in die Cloud migriert sein sollen. Software-Pakete aus der Cloud sind oft deutlich günstiger als entsprechende On-Premise-Angebote – zumindest auf den ersten Blick. Die wahren Kosten stellen sich oft erst später heraus.
com! professional: Kann ich Kosten sparen, indem ich vorhandene Lizenzen für Betriebssysteme oder Anwendungen in der Cloud weiterbetreibe?
Kluge: Das kommt auf den Einzelfall an. In manchen Lizenzmodellen, etwa bei OEM-Software, ist die Installation auf anderen Geräten ausgeschlossen, andere verbieten die Nutzung in virtualisierten Umgebungen, wieder andere lassen sich unter bestimmten Bedingungen übertragen.
com! professional: Lässt sich denn immer genau sagen, ob eine Lizenz in der Cloud verwendbar ist oder nicht?
Kluge: In der Regel ja, es gibt allerdings Grenzfälle. Ich kenne einen Kunden, der auf Terminalservices aus der Cloud seine eigenen Office-Pakete betreiben wollte. Selbst Lizenzberater der Hersteller konnten nicht genau sagen, ob das lizenzrechtlich erlaubt ist oder nicht.
com! professional: Wo können Unternehmen solche Lizenzfragen klären lassen?
Kluge: Zunächst einmal empfehle ich, zu einem unabhängigen Berater zu gehen und nicht den Cloud-Provider zu fragen. Der Berater sollte seine Aussagen mit Auszügen aus den Lizenzbedingungen konkret untermauern können. Bei Unklarheiten sollte man sich direkt an den Hersteller wenden, auch wenn das – wie beschrieben - nicht in jedem Fall zum Erfolg führen muss.
com! professional: Wie können Anwender Rechtsfallen und hohe Kosten bei der Cloud-Migration vermeiden?
Kluge: Sie sollten die Lizenzmodelle der Cloud-Provider genauestens hinterfragen. Die Anbieter machen es sich so einfach wie möglich, stellen nur die Vorteile in den Vordergrund und weisen nicht oder nur unzureichend auf potenzielle Lizenzfallen hin. Nur wenn die Anwender die Vertragswerke kennen, können sie auf Augenhöhe mit den Providern verhandeln. Aber auch andere rechtliche Aspekte dürfen nicht vergessen werden, etwa die Frage, wo die Daten vorgehalten werden. Patentrechte oder regulatorische Vorgaben müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
com! professional: Hat denn die Cloud-Nutzung lizenztechnisch gesehen auch Vorteile?
Kluge: Wenn man von dem Problem der indirekten Zugriffe absieht, gibt es in der Cloud keine Unterlizenzierung, da immer nach Nutzung abgerechnet wird.
com! professional: Und löst die Cloud auch die Überlizenzierung?
Kluge: Nein, das kommt in Cloud-Umgebungen genauso vor
und sollte ebenso überwacht werden wie On-Premise. Ich nenne das immer den „Fitness-Studio-Effekt“. Viele Leute haben einen langfristigen Vertrag mit einem Fitness-Studio abgeschlossen, gehen aber nach kurzer Zeit nicht mehr hin. Ganz Ähnliches er­lebe ich bei vielen Kunden. Da werden Lizenzen für Projekte bezahlt, die es seit einem halben Jahr nicht mehr gibt.
com! professional: Was mache ich, wenn ich mit den Leistungen des Cloud-Providers unzufrieden bin? Kann ich die Cloud-Lizenzen wieder auf den On-Premise-Betrieb übertragen?
Kluge: Diese Fragen stellen sich leider die allerwenigsten Firmen, es gibt in der Regel keine Exit-Strategie. Die allgemeine Antwort lautet: Es wird wahrscheinlich teuer und kompliziert. Die On-Premise-Versionen vieler Lösungen werden nicht oder nur noch sehr begrenzte Zeit weiterentwickelt, während die Cloud-Varianten ständig aktualisiert werden. Es gibt in vielen Fällen kein Recht auf Downgrade, das heißt, der Kunde steht bei einem Rückbau unter Umständen mit nicht mehr nutzbaren Dateien da und muss auf veraltete Software zurückgreifen.
Verwandte Themen