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Smart Contracts

Die Blockchain automatisiert das Vertragswesen

Blockchain automatisiert den Vollzug von Verträgen
Foto: a-image / shutterstock.com
Smarte Verträge lassen Geschäfte ohne menschliches Zutun selbstständig ablaufen. Außerdem punktet die Technik mit Manipulations-Sicherheit und lückenloser Nachverfolgbarkeit.
Verbraucher können die Produktherkunf mit Smarten Verträge kontrollieren.
Transparenz bei Lebensmitteln: Smarte Verträge sollen es dem Endverbraucher ermöglichen, die Herkunft von Produkten zu kontrollieren – und sich zum Beispiel zu vergewissern, dass faire Löhne gezahlt werden.
Starre Verträge auf Papier und ihre digitalen Entsprechungen in PDF-Form sollen bald der Vergangenheit angehören. „Die juristische Branche muss sich auf den seit Jahrhunderten größten Paradigmenwechsel gefasst machen“, erklärt Peter Hunn, Gründer des Start-ups für juristische Dienstleistungen Clause.io. Er geht davon aus, dass neue Technolo­gien „das Vertragswesen und kommerzielle Transaktionen gleichermaßen fundamental verändern“. Datengetriebenes Krypto-Vertragswesen – smarte Verträge (Smart Contracts) – sollen Wirtschaft und Gesellschaft bald einen neuen Leistungsschub verleihen.
Dank smarter Verträge sei es für Unternehmen unter anderem möglich, „Produkte mit geringem Aufwand hochfrequent anzupassen“, sagt Jürgen Stoffel, Managing Director IT bei der Rückversicherung Hannover Re. Dies sei für adaptive Produkte und Dienstleistungen, die sich automatisch an den sich wandelnden Bedürfnissen der Kunden ausrichten, von elementarer Bedeutung.

Blockchain-Verträge

Smarte Verträge sind Software-Anwendungen, die auf der Basis vorgegebener Regeln im Rahmen einer zuvor getroffenen Vereinbarung zwischen Vertragsparteien autark handeln und alle relevanten Ereignisse in einer gemeinsamen Kette aus Datenblöcken (Blockchain beziehungsweise Distributed Ledger Technology, DLT) kryptografisch beglaubigt aufzeichnen. Eine mögliche Übersetzung des Begriffs Distributed Ledger ist laut Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin „verteilte Hauptbücher“. Distributed Ledger sind  demnach eine Art von öffentlichen, dezentral geführten Kontobüchern, und DLT ist das technologische Rahmenwerk für deren Einsatz.
So können beispielsweise IIoT-Produktionsanlagen im Rahmen eines smarten Vertrags selbst Bestellungen von Ersatzteilen aufgeben oder mit Lieferanten über die Zustellung von Rohmaterial verhandeln. Die resultierende Blockchain liegt dann dezentral bei vielen Marktteilnehmern und wird von diesen kryptografisch beurkundet. So sollen Manipulationen, wenn nicht völlig unmöglich gemacht, so doch stark erschwert werden. „Die Blockchain ist ein sehr leistungsstarkes Werkzeug, wenn es darum geht, nachzuweisen, dass etwas nicht gefälscht oder verändert wurde“, sagt der Smart-Contracts-Pionier und Geschäftsführer von Global Financial Assets Nick Szabo.
Smarte Verträge bestehen aus ausführbarem Programmiercode. Smarte Verträge und Bündel von smarten Verträgen verhalten sich wie autonome Agenten. Im Prinzip könnte ein Unternehmen, „angekettet an eine Blockchain, (lediglich) aus einem Haufen smarter Verträge und autonomer Agenten“ bestehen, meint Don Tapscott, Mitgründer und Geschäftsführer des Blockchain Research Institute. Eine solche Firma würde komplett ohne Menschen auskommen, sie brauchte „weder einen Geschäftsführer noch sonstiges Management noch irgendwelche anderen Mitarbeiter“, so Tapscott weiter.
Eines der ersten Vorhaben dieser Art ist letztes Jahr allerdings schiefgegangen. The DAO (Decentralized Autonomous Organization) sollte zum Vorbild für Effizienz werden: ein Unternehmen ohne physischen Sitz, ohne einen Chef und ohne Mitarbeiter. The DAO bestand aus smarten Verträgen auf Basis der Ethereum-Blockchain, die sämtliche Geschäftsabläufe des Unternehmens regeln sollten.
Das Geschäftsmodell war denkbar einfach und scheinbar übersichtlich. Die Mitglieder sollten darüber abstimmen, wie das eingesammelte Kapital mit Hilfe smarter Verträge in diverse Start-ups und Produkte zu investieren sei, um so einen Ertrag zu erwirtschaften – kurz: Wagniskapital auf der Ethereum-Blockchain. Mit seiner Crowdfunding-Finanzierungskampagne hat das staatenlose Start-up Rekorde gebrochen. Doch dann wurde binnen weniger Tage in dem quelloffenen Code des smarten Vertrags, der The DAO zugrunde lag, eine gravierende Verwundbarkeit gefunden. Diese wurde, noch bevor sie behoben werden konnte, ausgenutzt: Es gelang einem Benutzer, etwa ein Drittel des Gründungskapitals auf ein Nebenkonto abzuzweigen.
Damit war das Ende von The DAO besiegelt. Die Ethereum-Gemeinde musste abstimmen und hat entschieden, die Transaktion – weil betrügerisch – entgegen den Richtlinien rückgängig zu machen.
Smarte Verträge: Vorteile und Risiken
Smarte Verträge auf Blockchain-Basis haben aus Sicht der Unternehmen sowohl Vor- als auch Nachteile.
  • Kostensenkungen: Durch den Verzicht auf einen Mittelsmann entfällt ein relevanter Kostenpunkt sowohl bei der Transaktionsabwicklung als auch bei der betriebsinternen Verwaltung von Verträgen. Das Risiko dabei: Diese Kosten­senkungen werden an Geschäftspartner möglicherweise nicht weitergegeben. Unternehmen mit einer geringen Hebelwirkung gegenüber ihren Kontrahenten ziehen da möglicher­weise den Kürzeren.
  • Zeiteinsparungen und Effizienzsteigerungen: Die Digitalisierung aller Vorgänge vereinfacht die softwaregesteuerte Nachverfolgung der verschiedenen Abläufe im Rahmen vertraglicher Beziehungen. Das Risiko dabei: Bei KMUs können diese Entwicklungen dazu führen, dass qualifizierten Mitarbeitern gekündigt werden muss, weil sich ihre Arbeitsplätze angesichts der Unternehmensgröße nicht mehr rechtfertigen lassen. Bei unvorhergesehenen Ereignissen liegen dann keine Handlungsrichtlinien vor und zugleich fehlt Personal.
  • Minimierung von Fehlern: Softwaregestützte Überwachung von Abläufen im Rahmen eines smarten Vertrags senkt die Fehlerrate bei der Durchsetzung verbindlicher Abwicklungstermine und anderer Klauseln. Das Risiko dabei: Vertragspartner können durch Buchhaltungstricks Fehler mehr oder weniger unbemerkt durchgehen lassen.
  • Lückenlose Nachverfolgbarkeit und Prüfbarkeit vertragsrelevanter Ereignisse: Die Distributed-Ledger-Technologie  ermöglicht die Umsetzung IoT- beziehungsweise IIoT-gestützter Performance-Benchmarks und unterstützt die Durchführung rein maschineller Audits. Das Risiko dabei: Größere Unternehmen können massive Rechenleistung für die KI-gestützte Analyse umfassender Datenbestände ihrer IoT-getriebenen Geschäftsabläufe im Rahmen von smarten Verträgen zurate ziehen, während dem Mittelstand unter Umständen nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, um die Kosten solcher Systeme zur Echtzeit-Optimierung der Vertragsabwicklung unter Einhaltung von Datenschutzrichtlinien zu tragen.
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