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Digitalisierung

Wie Industrie 4.0 die Wirtschaft verändert

von - 08.09.2016
Industrie 4.0
Foto: TUM2282 / Shutterstock.com
Industrie 4.0 liegt irgendwo zwischen Science-Fiction und Realwirtschaft. Hartmut Wiehr geht dem Buzzword aus der Digitalen Agenda auf den Grund.
Wer ein 1.0, 2.0, 3.0, 4.0 anhängt, der will zeigen, dass er es geschafft… hat, dass es nicht mehr nur um irgendeinen der vielen Trends in der weiten Welt der Informationstechnologie geht. Denn ein Reifegrad lässt sich prima in Zahlen jenseits einer 0 ausdrücken – Web 0.75 hört sich zum Beispiel wirklich nicht gut an. Man trägt quasi so etwas wie ein offizielles Siegel, obwohl keine Institution auf der Welt solche schönen Schmucktitel verleiht.
Hartmut Wiehr
Hartmut Wiehr: Industrie 4.0 liegt irgendwo zwischen Science-Fiction und Realwirtschaft.
So etwas gibt es höchstens von Interessensverbänden oder Organisationen, die ihren eigenen Produkten ein schillerndes Attribut anhängen wollen. Wirklich unabhängige Produkte haben solche selbst verliehenen Auszeichnungen gar nicht nötig. Virtualisierung 3.0? Deduplizierung 5.5? Hyperkonvergenz 3.7? Davor scheuen selbst ausgebuffte Marketing-Urgesteine zurück.
Nun also: Industrie 4.0. Eng verquickt mit Digitalisierung, digitaler Transformation und Internet of Things. Alle zusammen sollen für eine neue Evolutionsstufe der Industrie stehen. Laut McKinsey hat letztes Jahr allerdings nur etwa die Hälfte der deutschen Unternehmen Fortschritte bei der Digitalisierung ihrer Wirtschaftsprozesse erzielt. Die Maßstäbe sind eine Effektivierung der Arbeit und insgesamt eine Kostenersparnis.
Die Geschäftsprozesse – und die Produkte – dagegen bleiben im Wesentlichen die gleichen. Autos, Kühlschränke oder Lebensmittel können nur in Grenzen noch digitaler werden. Manchmal geht das auch gar nicht oder zu viel IT oder Sensoren in einem Produkt sind sogar kontraproduktiv – siehe die zunehmende Leichtigkeit, mit der hoch digitalisierte Luxusautos per Notebook geknackt werden.
Was bleibt also übrig von Industrie 4.0? Rationalisierung der Arbeit und Vernetzung der Maschinen durch immer mehr Sensoren und IT-gesteuerte Kontrollmechanismen führen zu einer weiteren – nicht der ersten – Beschleunigung der industriellen Produktionsprozesse. Und zwar weltweit – die Globalisierung erzeugt einen großen Mischmasch an Produktivität: arbeitsintensive, aber billige Herstellungsprozesse von Pakistan bis China oder den Philippinen versus durchdigitalisierte Verfahren etwa in Deutschland oder den USA.
In diesem weltweiten Wettbewerb wird es für viele Unternehmen darauf ankommen, die jeweils besten – und günstigsten – digitalen Arbeitsprozesse umzusetzen und ihn unter den Konkurrenzbedingungen permanent für sich zu entscheiden. Und genau das ist die Zukunft von Industrie 4.0 mit Folgen wie Freisetzung von Arbeitskräften, Verlagerung von Produktionen und viel mehr Zusammenschlüssen und Übernahmen. Mit anderen Worten: Wir werden uns weiter an Sieger und Besiegte auf diesen Feldern gewöhnen müssen. Wirtschaftsflüchtlinge gehören schon jetzt zur Normalität der Weltwirtschaft. Industrie 4.0 oder Brave New World?
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