Expansionskurs

Microsoft flirtet mit Linux und Open Source

Microsoft flirtet mit Linux und Open Source
Foto: Microsoft
Microsoft will weiter wachsen und macht selbst vor einer Annäherung an den einstigen Erzfeind Linux nicht Halt. Von der Liaison soll sowohl Redmond als auch die Open-Source-Welt profitieren.
Das Windows-Betriebssystem läuft derzeit weltweit auf über 400 Millionen Geräten. Und bereits acht von zehn der weltgrößten Unternehmen nutzen Microsofts Cloud-Dienst Azure.
Im Markt für Datencenter-Lösungen, Cloud- und High-Performance-Computing (HPC) hat allerdings weiterhin das Open-Source-Betriebssystem Linux eine marktbeherrschende Stellung inne. So hat es seit November 2015 kein einziges Windows-System in die Top-500-Liste der weltweit stärksten Supercomputer geschafft.
Steve Ballmer
Ehemaliger CEO
von Microsoft
Foto: Brian Smale/Microsoft
 „Linux ist ein Krebsgeschwür (…). Es verseucht alle anderen Software-Lösungen mit Hippie-GPL-Müll.“
Bis zum Amtsantritt des derzeitigen Microsoft-CEOs Satya Nadella galt das Linux-Ökosystem dem Software- und Cloud-Anbieter als Erzfeind. Steve Ballmer, Nadellas Vorgänger, sah Microsofts Geschäftsmodell durch quelloffene Lösungen bedroht. Er pflegte Linux medienwirksam als Krebsgeschwür zu bezeichnen. Nadella steuert offensiv auf eine 180-Grad-Wende zu.

Schrittweise Annäherung

Die Annäherung Microsofts gegenüber der Open-Source-Gemeinde zeichnete sich bereits seit einiger Zeit ab. So hatte das Unternehmen zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Linux-Spezialisten Canonical einen Teil von Ubuntu Linux einschließlich der Kommandozeilenschnittstelle Bash auf Windows portiert. Hiermit lässt sich ein Linux-Subsystem für Windows direkt in Windows 10 installieren.
Realitätsnah: Microsoft unter Nadella überdenkt etablierte Workflows und Geschäftsmodelle. Das zeigt sich auch beim ­Einsatz virtueller und erweiterter Realität in der Autoproduk­tion unter Verwendung der Augmented-Reality-Brille Hololens.
(Quelle: Microsoft )
Mit dem beachtlichen Volumen seiner quell­offenen Beiträge auf GitHub, der Linux-Verwaltungsplattform für Software-Code, hatte Microsoft sowieso längst die Spitzenposition erobert. Der Schwerpunkt dieses Engagements lag vor allem auf Verbesserungen für den hauseigenen Hypervisor Hyper-V. Für ein Unternehmen, das seine Marktführerschaft einst ausschließlich auf proprietären Lösungen aufgebaut hatte, ist dieser Einsatz im Open-Source-Bereich bemerkenswert.
Die wirklich große Überraschung kam dann aber im November letzten Jahres, als der Konzern die IT-Industrie mit einem bedeutenden Schachzug vor vollendete Tatsachen stellte: Zum Entsetzen großer Teile der Linux-Gemeinde trat Microsoft der Linux Foundation als Platinum-Mitglied bei. Diese Ehre lässt sich der Konzern immerhin eine halbe Million Dollar pro Jahr kosten. Zu dem erlauchten Kreis zählen insgesamt nur elf Unternehmen – und diese dürfen die Richtung für so wichtige Initiativen wie das Blockchain-Projekt Hyperledger vorgeben.
Microsoft habe in den letzten Jahren eine Menge zu Linux beigetragen, meint Jim Zemlin, leitender Geschäftsführer der Linux Foundation. Der positive Nebeneffekt sei gewesen, dass Microsoft immer besser gelernt habe, mit der Open-Source-Gemeinde zusammenzuarbeiten – um immer mehr Anwendern ein Nutzererlebnis auf Mobilgeräten und in der Cloud bieten zu können, das althergebrachte Arbeitsweisen nachhaltig transformiert, betont Zemlin.
Ohne eine enge Kooperation mit der Linux Foundation würde Microsoft in einer Welt, die zunehmend von Big Data und dem Internet der Dinge dominiert wird, tatsächlich nicht allzu weit kommen – zumindest nicht schnell genug. Immerhin gilt es, stetig wachsende Datenmengen im Petabyte- und teilweise sogar schon im Exabyte-Bereich zu handhaben – und davon sind Microsofts bestehende Lösungen, zurzeit jedenfalls, noch weit entfernt.