Cloud-native Apps

80% der Cloud-Dienste sind nicht standardisiert

von - 13.04.2017
Cloud Computing
Foto: Blackboard / Shutterstock.com
Dank vieler Vorzüge erlebt Cloud-native einen Hype. Das Konzept hat aber auch Nachteile, wie Professor Nane Kratzke vom Fachbereich Elektrotechnik und Informatik an der FH Lübeck erklärt.
Dr. Nane Kratzke
Dr. Nane Kratzke: Professor am Fachbereich Elektrotechnik und Informatik an der FH Lübeck
Wer zur Entwicklung Cloud-nativer Applikationen Dienste eines Cloud-Anbieters einsetzt, spart viel Arbeit, begibt sich aber auch in Abhängigkeiten. Professor Nane Kratzke vom Fachbereich Elektrotechnik und Informatik an der FH Lübeck, erklärt, wie sich das Risiko eines Vendor-Lock-ins minimieren lässt, etwa mit Hilfe von Standards.
com! professional: Laut Ihren Forschungen hat das Interesse am Thema Cloud-native Applikationen in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen. Wie erklären Sie sich das?
Nane Kratzke: Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass sich das Nutzungsverhalten von Cloud-Ressourcen in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. In den ersten Jahren mussten sich Software-Entwickler und -Architekten erst auf die neue Umgebung Cloud und deren Eigenschaften einstellen. Anfangs wurden einfach klassische 3-Tier-Web-Applikationen auf die Cloud-Infrastruktur ausgerollt, da hat sich eigentlich nur der Ort verändert, wo die Applikationen betrieben wurden, nicht ihr Aufbau. Firmen wie Netflix sind hier einen wesentlichen Schritt weitergegangen, um Cloud-Ressourcen besser und horizontal skalierbarer nutzen zu können. Sie setzen auf Konzepte wie Microservices und Cloud-native Applikationen. Ihr Erfolg hat sicher dazu beigetragen, dass diese Begriffe so populär geworden sind.
com! professional: Andererseits warnen Sie davor, dass man sich damit in eine starke Provider-Abhängigkeit begibt.
Kratzke: Die Cloud-Betreiber bieten sehr viele Dienste an, die nach außen gar nicht in Erscheinung treten, die aber unter der Haube den Software-Entwicklern sehr viel händische Arbeit abnehmen – sowohl in der Entwicklung als auch im Betrieb solcher Applikationen. Ich nenne solche Angebote gerne „Klebedienste“, weil sie zum einen Einzeldienste komfortabel zu höherwertigen Applikationen verbinden, aber eben auch den Kunden stark an den jeweiligen Provider binden.
com! professional: Beschleunigen aber nicht gerade diese Services die Entwicklung Cloud-nativer Applikationen so enorm?
Kratzke: Ja, wenn Time-to-Market die oberste Priorität ist, dann ist das sicher die richtige Strategie. Man sollte sich eben nur wirklich bewusst sein, dass man diese Bindung eingeht. Mein Eindruck ist, dass sich viele Firmen darüber nicht im Klaren sind, insbesondere wenn es die erste Applikation ist, die sie in dieser Form erstellen.
com! professional: Warum ist es überhaupt schlecht, sich an einen Provider zu binden?
Kratzke: Es muss nicht notwendigerweise schlecht sein, ist aber eben mit einem Risiko verbunden, das man kennen sollte. Aktuell mag der gewählte Cloud-Service-Provider die beste Lösung sein, aber es ist kaum vorhersagbar, ob das in einigen Jahren immer noch so ist. Vielleicht gerät er in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern sich, Service Level Agreements werden einseitig abgesenkt, andere Provider bieten bessere Konditionen. Diese Liste ist vermutlich endlos.
com! professional: Helfen Standards gegen Vendor-Lock-ins?
Kratzke: Standards existieren im Cloud-Umfeld eher auf den unteren Ebenen des Cloud-Stacks, im Bereich Infrastructure as a Service. Je höher man im Stack kommt, desto mehr Dienste gibt es, die derzeit noch überhaupt nicht von einem Standard abgedeckt werden. Hinzu kommt, dass die Cloud-Provider ihr Angebot an proprietären Services mit enormer Geschwindigkeit ausbauen. Wir haben uns das in unserem Forschungsprojekt CloudTRANSIT am Beispiel Amazon Web Services rückblickend angesehen. Im Jahr 2006 betrieb AWS drei Dienste, zwei davon wären inhaltlich durch heutige Standards abgedeckt gewesen. Heute betreibt AWS mehr als 50 Dienste und nur etwa zehn davon sind durch heutige Standards inhaltlich erfasst – und ich rede hier nicht einmal von der Standard-Konformität dieser Dienste. Nehmen wir andere Provider, ändern sich zwar die absoluten Zahlen, aber die Verhältnisse bleiben etwa gleich. Anders gesagt: Wenn Sie heute einen Cloud-Dienst unreflektiert nutzen, ist dieser mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht von heutigen Cloud-Standards inhaltlich erfasst und damit auch kaum durch einen standardisierten Service ersetzbar.
com! professional: Wie erklären Sie sich das?
Kratzke: Standardisierungsprozesse sind einfach langsam. Amazon hat es geschafft, pro Jahr durchschnittlich zwei neue Dienstkategorien zu kreieren, während in den Standards im selben Zeitraum nur eine Kategorie hinzukam. Die Entwicklung neuer Dienste läuft also doppelt so schnell ab wie die Standardisierung, die Schere wird dadurch immer größer.
com! professional: Gibt es andere Möglichkeiten, sich vom Cloud-Provider unabhängiger zu machen?
Kratzke: Man kann Cloud-native Applikationen beispielsweise nicht direkt auf der Infrastruktur des Cloud-Anbieters betreiben, sondern auf einer Selfservice-Automation-Plattform wie Docker Swarm oder Kubernetes. Diese Plattformen erfahren daher auch zunehmendes Interesse. Wenn diese auch noch Open Source sind, haben Sie so etwas wie eine verteilte virtuelle Maschine für die Cloud, die unter Ihrer eigenen Administrations-Hoheit steht. Diese Plattformen können Sie nicht nur über Cloud-Provider hinweg migrieren, sondern auch zeitgleich bei unterschiedlichen Providern betreiben. Sie könnten also einen Teil Ihrer Applikation in der Amazon-Cloud laufen lassen, einen anderen in der Private Cloud.
com! professional: Muss man die Plattformunabhängigkeit bereits während der Entwicklung in die Applikationen einbauen?
Kratzke: Anwendungen im Nachhinein von einem Cloud-Vendor-Lock-in zu befreien, ist sehr viel schwieriger, als wenn man dies von Anfang an bei der Entwicklung berücksichtigt. Instagram etwa betrieb seine komplette Infrastruktur auf AWS, als es 2012 von Facebook gekauft wurde. Es kostete die komplette Instagram-Entwicklermannschaft fast ein Jahr, den Umzug in die Facebook-Rechenzentren zu bewerkstelligen.