KFZ-Technik

eCall-Notruf, der Spion als Beifahrer

von - 01.04.2014
Im Februar hat das EU-Parlament dem automatischen Notrufsystem eCall für Autos mit breiter Mehrheit zugestimmt. Datenschützer haben noch immer Bedenken.
Foto: Peugeot
Im Februar hat das EU-Parlament dem automatischen Notrufsystem eCall für Autos mit breiter Mehrheit zugestimmt. Datenschützer haben noch immer Bedenken.
Ab Oktober 2015 werden in Europa alle neu typgenehmigten Fahrzeuge mit dem automatischen Notruf eCall ausgerüstet. Experten gehen davon aus, dass das System durch ein schnelleres Eintreffen des Rettungsdienstes am Unfallort künftig mindestens zehn Prozent der Unfalltoten verhindern wird.
Automatischer Notruf: Bei einigen Herstellern sind eCall-ähnliche Notrufsysteme bereits im Einsatz. So funktioniert beispielsweise Peugeot Connect SOS.
Automatischer Notruf: Bei einigen Herstellern sind eCall-ähnliche Notrufsysteme bereits im Einsatz. So funktioniert beispielsweise Peugeot Connect SOS.
(Quelle: Peugeot)
Fahrzeuge registrieren Unfälle künftig über die Airbag- oder andere Crash-Sensoren und senden dann automatisch einen Notruf an die Rettungsstelle. Dabei übermittelt das eCall-System per Mobilfunk den Unfallzeitpunkt, die per GPS-Ortung ermittelten Koordinaten der Unfallstelle, die Fahrtrichtung, den Fahrzeugtyp, die Motorart sowie die Zahl der benutzten Sicherheitsgurte. Die Rettungskräfte werden also auch dann informiert, wenn alle Insassen handlungsunfähig sind. Zusätzlich erfolgt ein Verbindungsaufbau zur Rettungsleitstelle.
Die eCall-Vorteile bei der Vermeidung von tödlichen Unfallfolgen aufgrund von Zeitverzögerungen in der Nothilfekette sind einleuchtend. Datenschützer sehen in eCall allerdings auch Risiken. Insbesondere stören sie folgende Aspekte:
  • Der Nutzer kann das eCall-System nicht selbst ausschalten
  • Die Löschung der Ortungsdaten ist noch immer ungeklärt
  • Die Verbindung mit privaten Systemen der Datenverarbeitung
"Das eCall System mag auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheinen, ist aber leider sowohl technisch als auch datenschutzrechtlich nicht ausgereift" erklärt Michael Cramer, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament. "Die Zahl von tödlichen Unfällen im Straßenverkehr muss natürlich gesenkt werden. Doch bevor man BürgerInnen zu einem System wie eCall verpflichtet, sollte man überprüfen, ob dieser Eingriff in die persönliche Freiheit verhältnismäßig und angemessen ist."
Die größten Risiken dürften allerdings in einer Zweckentfremdung des Systems liegen. "Man sollte sich nichts vormachen: Bei solchen Systemen geht es nicht nur um Sicherheit", bestätigt Thilo Weichert, der Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, gegenüber Spiegel Online. "Es geht auch darum, Informationstechnik ins Auto zu packen, die für andere Dienste genutzt werden kann."
Die Daten, die das neue System mit kleinsten Software-Änderungen bei der nächsten Inspektion aufzeichnen und weitergeben könnte, wären schließlich bares Geld wert. So würden die Servicedienste der Autohersteller, KFZ-Werkstätten, Abschleppdienste sicher ebenfalls gerne an die eCall-Daten ran. KFZ-Versicherer würden das System gerne als Blackbox zur Berechnung von Versicherungstarifen nutzen. Und die Weitergabe von Strecken- oder Verhaltensmuster könnte die Maut-Zahlung sowie die Verkehrsüberwachung deutlich vereinfachen. Das eCall-System mit seiner Mobilfunk-Schnittstelle zur Außenwelt könnte somit der Wegbereiter für andere Dienste auf dem Weg zum gläsernen Autofahrer werden.